Dieses Instrument gehört doch in den Bereich der Volksmusik, meinte man zu wissen. Doch weit gefehlt. Im Bettagskonzert des Altstätter Konzertzyklus’ in der evangelischen Kirche Altstätten trat die weltbekannte, mehrfach ausgezeichnete Akkordeonistin Viviane Chassot den Gegenbeweis an. Ihr virtuoses Spiel zeigte überraschende Seiten des Akkordeons.
Erstaunt stellte man fest, dass sich das Akkordeon auch für sogenannte E-Musik eignet und dabei wie ein Orchester im Kleinformat wirkte. So war es der Solistin möglich, das gesamte abendfüllende Programm, das «unerwartete Gegenüberstellungen, Verbindungen und Übergänge unterschiedlicher Komponisten und Epochen» zu einer Einheit werden liess, im Alleingang zu spielen. Der Solistin bot sich eine Fülle von Gestaltungsmöglichkeiten, die sie voll ausschöpfte. Dem Publikum bescherte dies abwechslungsreiche Hörerlebnisse.
Auch Zeitgenössisches war zu hören
Im Aufbau des umfangreichen Programms liess sich eine Zweiteilung erkennen. Eine Werkgruppe umfasste die sogenannten «sicheren Werte», allen voran Johann Sebastian Bach (1685–1750), sodann Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791), Joseph Haydn (1732–1809), Astor Piazzolla (1921–1992) und Frédéric Chopin (1810–1849). Daneben gab es eine ganze Reihe von zeitgenössischen Komponisten, die man neu kennenlernte, wie zum Beispiel Sergey Voytenko (*1973), Didier Squiban (*1959), Jann Tiersen (*1970). Die Volksmusik war vertreten durch die Bretagne und Irland sowie – passend zum Eidgenössischen Bettag – durch das Schweizer Volkslied «Du fragsch mi wär i bi».
Überblickt man die gespielten Werke, so ergibt sich ein Querschnitt durch die Musikgeschichte vom Barock bis in die Moderne. Einige Stücke aus dem Programm seien herausgegriffen. Bach war schwerpunktmässig vertreten mit gleich vier Werken. Bei seinem bekannten Italienischen Konzert BWV 971 glaubte man, an die barocke italienische Leichtfüssigkeit erinnert zu werden. Mit spielerischem, gesanglichem Charakter erklangen Präludium und Fuge BWV 84. Mozarts Adagio in C für Glasharfe KV 356 ist ein feingewobenes, bezauberndes Spätwerk des Salzburger Meisters.
Entdeckungen und Überraschungen
Die Gruppe mit den zeitgenössischen Werken bescherte einen Mix aus verschiedenen Musikstilen. Da mischte sich Jazz mit Volksmusik; Lyrisches stand im Gegensatz zu Dramatischem; Meditatives verband sich mit Nachdenklichem, und Jürg Kienbergers «Tangeau» atmete gewissermassen die klare Luft des Oberengadins. Joseph Haydns Sonata in D-Dur, Hob. XVI, setzte den Schlusspunkt hinter das festliche Konzert. Das begeisterte Publikum entliess die Künstlerin nicht, bevor sie zwei Zugaben gewährt hatte. Im Ganzen: ein Abend voller Entdeckungen und Überraschungen.
Viviane Chassot bewies: Das Akkordeon ist ein Orchester im Kleinformat