Diepoldsau vor 2 Stunden

«Wa passiert mit em Bomm?» Rettungsaktion für eine alte Linde in Schmitter

Alte Bäume sind für Dörfer und Städte von unschätzbarem Wert. Das regionale Baumquartett des Vereins St. Galler Rheintal zeigt besonders schöne Exemplare.

Von pd
aktualisiert vor 2 Stunden

Walter und Jeannine Sieber konnten vor 41 Jahren die Liegenschaft 34 im Schmitter kaufen. Direkt davor an der Hinteren Kirchstrasse steht eine betagte Linde, die im Archiv-Luftbild 1954 schon als stattlicher Baum erkennbar ist. Als dann der Sohn 2013 direkt daneben einen Holzbau plante, stellte sich die Frage: «wa passiert mit em Bomm?» Er war ja geschützt und von den Eltern sehr geschätzt. Also gab man sich die grösste Mühe beim Bau der Gartenmauer und überspannte die dort zutage tretenden Hauptwurzeln mit einem Betonbogen. 

Diese Linde ist im Baumqartett vertreten.
Diese Linde ist im Baumqartett vertreten.
Bild: pd

Der Baum hat überlebt und ist auch in trockenen Jahren immer grün und vital. Im vergangenen Winter hat der Baumpfleger einige abgehende und zu tief liegende Äste gekappt und den Baum von Misteln gesäubert. Jetzt müssen halt die Lindenblüten mit der Leiter geholt werden, bemängelt Jeannine. Doch der Baum sei ein Eldorado für Vögel und bringe willkommenen Schatten. Das Bienenkonzert während der Lindenblust lässt vorbeispazierende «Schmeatter» innehalten. 

Ein kleiner Exkurs zur Mistel

Diese immergrüne Pflanze lebt als Halbschmarotzer auf Bäumen und Sträuchern. Sie entzieht ihren Wirten Wasser und Nährstoffe durch spezielle Saugorgane. So kann die Mistel bei genügend Licht durch die Fotosynthese in Astgabeln Wurzeln schlagen und tüchtig wachsen. 

Bei starkem Befall wird der Wirtsbaum geschwächt und stirbt ab oder er wird durch die zusätzliche Schneelast umfallen. Es ist offensichtlich, dass Bäume, die unter Trockenheit leiden und eine gelichtete Krone aufweisen, vermehrt von Misteln befallen werden. 

Bäume sind wichtige Lebensräume

Im Obstbau wird empfohlen, alle zwei bis drei Jahre die nachwachsenden Misteln abzuschneiden, um die weitere Vermehrung zu stoppen. Denn erst nach vier Jahren tragen sie Beeren und darin Samen, welche durch Vögel wie die Misteldrossel über deren Kot verbreitet werden. 

Ein Forscherteam aus den USA kommt dennoch zum Schluss, dass Misteln in den Grossstädten eher ein Vorteil als ein Schaden sind, denn sie sind im Winter eine wichtige Futterquelle für viele Vogelarten. Im Baumquartett hat die Linde zusammen mit der Eiche den höchsten Wert bezüglich der Biodiversität. Damit bei der Planung von neuen Siedlungsbäumen weiterhin auf die Ökologie und nicht nur auf die Hitzetoleranz geachtet wird, hat die Stadt Zürich einen Biodiversitätsindex entwickeln lassen. Die Expertinnen und Experten bewerteten die häufigsten Baumarten bezüglich ihres Wertes für sieben Gattungen: Säugetiere, Vögel, Käfer, Schmetterlinge, Wildbienen, Moose und Flechten. Der Index wird nun schweizweit bei der Wahl der Zukunftsbäume miteinbezogen. 

Gut gepflegt werden sie zu echten Methusalems

Die Linde, sei es die Sommer-, die Winterlinde oder die Silberlinde, auch ungarische Teelinde genannt, ist und bleibt ein solcher Zukunftsbaum. Im benachbarten Alberschwende in Vorarlberg steht vor der Kirche der Baumstrunk einer geschätzt tausendjährigen Linde mit einem Umfang von acht Metern. Da können die vielen stattlichen Linden in den Dörfern des St. Galler Rheintals geradezu als Jungspunde bezeichnet werden. 

«Siedlungsbäume St. Galler Rheintal» kann bei den Gemeinden von Rüthi bis St. Margrethen bezogen werden. Eine Übersicht über die Standorte gibt es unter: www.regionrheintal.ch/baumquartett