Ruhig war es um das Untertor in den vergangenen fünf Jahren nicht: 2021 übernahm die Gemeinnützige Genossenschaft Altstätten das geschichtsträchtige Gebäude, drei Jahre später folgte der Konkurs. Anfang 2025 fand die Stadt einen neuen Pächter für das Hotel. Die Zukunft der Bar, deren Bollensteinwand noch heute Teil der früheren Stadtmauer ist, blieb hingegen offen. Die Antwort darauf entstand letzten Herbst an einem eher unerwarteten Ort: im Altersheim.
Von der Blödelei zum Plan
Was unterscheidet die Arbeit als Pflegerin von jener als Gastgeberin? «Gar nicht so viel», sagt Iris Saxer und lacht. «Hier wie dort geht es darum, dass die Leute rundum zufrieden sind», ergänzt Christin Diel, die alle nur Mietz nennen.
Die beiden kennen sich von der Arbeit im Altersheim und sind Freundinnen. Dort blödelten sie eines Tages herum und sagten: Komm, wir eröffnen eine Bar. «Es war mehr ein Scherz», erinnert sich Iris. Doch die Idee liess sie nicht mehr los. Am Abend erzählte sie ihrer Frau Sandra davon – und aus der Blödelei wurde erstaunlich schnell ein Plan.
Dass sie nur ein halbes Jahr später auf den braunen Lederhockern ihrer eigenen Bar sitzen würden, hätten die drei damals selbst nicht gedacht. «Nachdem der Entscheid gefallen war, gingen wir auf die Suche – am Anfang ganz ohne Stress», erzählen sie. Ihr Vorsatz: «Wir haben Zeit und wollen etwas Cooles finden.»
Liebe auf den zweiten Blick
Fündig wurden sie ausgerechnet an einem Ort, der sie zunächst nicht überzeugte. Besonders Sandra, eine gelernte Köchin, hatte sich eine kleine Küche gewünscht. Dafür bot der Keller kaum Platz. Auch sonst gab es einiges zu renovieren. «Wir waren am Anfang nicht gerade begeistert», geben die drei zu.
Doch der Törlikeller liess sie nicht mehr los. Beim zweiten Besuch rückten die alte Stadtmauer, die besondere Decke und der Charme des Raums in den Vordergrund. «Irgendwann war das Herz dabei.» Die drei sagten zu, bauten um und eröffneten Mitte März das Törli3. Der Name verbindet den bekannten Ort mit seinen drei neuen Gastgeberinnen. Geöffnet ist jeweils donnerstags, freitags und samstags.
Zwischen Stadtmauer und Samtstühlen
Im Törli3 trifft die Geschichte des Hauses auf einen neuen, verspielten Stil. Die alte Bollensteinmauer steht neben dunkelgrünen Wänden, Erinnerungsfotos und Schallplatten. Kerzen, grüne Samtstühle und lederbezogene Barhocker machen aus dem ehemaligen Keller einen warmen, persönlichen Ort. Das Alte bleibt sichtbar, ohne dass das Lokal darin stehen bleibt.
Genau diese Verbindung prägt auch das Konzept. Die drei wollten das Städtli mit beleben und einen Ort schaffen, der ihnen selbst gefehlt hatte: keine Disco, sondern eine gemütliche Bar für einen Drink nach dem Abendessen – mit guter Musik, Raum für Gespräche und einem Publikum, das nicht nur aus jungen Nachtschwärmern besteht.
Drei Frauen, drei Stärken
Für Iris schliesst sich mit der eigenen Bar ein Kreis. Ihre Eltern führten früher bekannte Beizen in der Region, darunter den Falken in Eichberg und während 13 Jahren das Kreuz in Altstätten. Sie ist mit der Gastronomie aufgewachsen und weiss, dass eine Beiz vor allem von den Menschen lebt, die darin zusammenkommen.
Ihre Hauptberufe haben die drei nicht aufgegeben. Sie arbeiten weiterhin in Pflege, Büro und Gastronomie; das Törli3 ist für sie eine Ergänzung, kein Ersatz. Gleichzeitig bringt jede etwas Eigenes ein: Iris das Gastgeberinnen-Gen, Mietz ihre Cocktailideen aus der ganzen Welt, Sandra ihre Erfahrung ebenfalls aus dem Gastgewerbe und ihre Ruhe hinter den Kulissen.
Entscheidend ist für sie jedoch das Zusammenspiel. Sie reden mit den Gästen, gehen auf Musikwünsche ein und verteilen schon einmal eine Testrunde, wenn Mietz an einem neuen Cocktail tüftelt. Wenn Frauen sagen, sie würden im Törli3 auch allein etwas trinken kommen, ist das für die drei eines der schönsten Komplimente. «Es ist nicht nur ein Business», sagen sie. «Es ist ein Teil unseres Lebens geworden.»
Eine Lücke im Städtli gefüllt
Der Zeitpunkt für eine Neueröffnung scheint gewagt. Vielerorts ist vom Beizensterben die Rede, die Ausgangskultur hat sich verändert. Doch vielleicht läuft es gerade deshalb so gut. «Wir hatten einen superhammerguten Start», sagen die drei. Offenbar füllt das Törli3 die Lücke zwischen moderner Cocktailbar und vertrauter Beiz – zwischen Ausgehen und Heimkommen. Oder, wie die Gastgeberinnen es selbst ausdrücken: «Wir wollen moderner werden, aber nicht alles verlieren, was früher gut war.»
Wie aus einer Blödelei im Altersheim eine Bar im Untertor entstand