Christlich vor 2 Stunden

Wo ist Wahrheit? – Gedanken aus der Literatur zur Suche im Jetzt

Zwischen halben Wahrheiten, Deutungen und Lügen bleibt Orientierung schwierig. Literatur, die schonungslos persönliches offenlegt, verschärft die Frage: Wie viel Offenheit verträgt das Leben?

Von Guido Scherrer, Pfarrer
aktualisiert vor 2 Stunden

Die Suche nach der Spur der Wahrheit bleibt durch alle Zeiten eine grosse Herausforderung. Was ist richtig, was ist falsch? Was ist nur die halbe Wahrheit? Was ist aus Unkenntnis falsch formuliert oder durch die eigene Sichtweise einseitig gefärbt? Was ist böse Deutung oder schlicht eine Lüge? Durch diesen Dschungel hindurch führt in manchen Situationen die Wahrheitssuche.

Dabei geht es nicht zuerst darum, anderen einen Spiegel vorzuhalten. Es ist schon schwierig genug, sich selbst wie aus der Perspektive eines Beobachters wahrzunehmen und sich zu fragen, was andere sehen, wenn sie sehen, was sie hören, wenn sie hören.

Ein norwegischer Schriftsteller veröffentlichte eine sechsbändige autobiografische Romanreihe, in der er sein Leben in aussergewöhnlicher Offenheit schildert – von der Kindheit bis zu tiefen inneren Reflexionen. Reale Personen werden mit ihren echten Namen beschrieben, was in Norwegen heftige Debatten auslöste. Angehörige fühlten sich blossgestellt und gingen juristisch gegen die Veröffentlichung vor. Hier stellt sich im Dschungel der Wahrheitssuche die Frage:

Darf Wahrheit ungeschminkt
und verletzend sein?

Ist die Öffentlichkeit der richtige Ort für Persönliches, Familiäres? Wie weit darf die Freiheit des Einzelnen gehen, bis die Freiheit des Anderen eingeschränkt wird?

Im zweiten Roman schildert der Autor eine Alltagsszene: Er besucht mit seiner Tochter einen Kindergeburtstag und langweilt sich, weil er sich nicht einbringen kann. Auch das Kind hat wenig Freude. Auf dem Heimweg erlebt er jedoch einen innigen Moment mit seiner Tochter; ein Wort von ihr wird für ihn zu einem grossen Geschenk. Zurück in der Wohnung kippt die Stimmung in ihm.

In der Küche herrscht Unordnung, seine Frau sitzt vor dem Fernseher. Der eben noch erfüllte Vater und Mann reagiert gereizt. Der Leser spürt, wie es in ihm zu kochen beginnt – doch weshalb der innere Höhenflug so abrupt zur Bruchlandung wird, bleibt offen.

Einen selbstkritischen Deutungsversuch ist er bis jetzt schuldig geblieben.

Die Wahrheit hat viele Facetten. Diese sorgfältig zu sammeln, selbstkritisch zu bleiben und andere nicht vorschnell an den Pranger zu stellen – das ist die bleibende Herausforderung auf dem Weg der Wahrheitssuche.

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