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«Zwei Drittel der Unternehmen beurteilen ihre Geschäftslage als gut oder sehr gut»

Jan Riss, Chefökonom und stellvertretender Direktor der IHK St. Gallen-Appenzell, über die Herausforderungen der Rheintaler Wirtschaft, die Konjunkturaussichten und die Bilateralen III.

Von Eckhard Baschek  
aktualisiert vor 1 Stunde

Wie sieht die IHK das Rheintal im Vergleich zum gesamten Wirtschaftsraum St. Gallen und den beiden Appenzell?

Jan Riss: Die Ostschweiz steht für Hightech-Industrie – und das Rheintal ist dafür ein Paradebeispiel. So arbeiten in der Arbeitsmarktregion Widnau-Au 21,5 Prozent der Beschäftigten in Hightech-Branchen. Das bedeutet schweizweit Platz 8 von 101 Regionen. Hightech-Lösungen aus dem Rheintal stecken in Flugzeugen, kommen in der Wirbelsäulenchirurgie zum Einsatz oder ermöglichen den präzisen Bau von Wolkenkratzern und Tunnels. Gleichzeitig ist das Rheintal dadurch stärker von der Weltkonjunktur abhängig als andere Regionen.

Wie hat sich das Rheintal angesichts der geopolitischen und zollrechtlichen Kapriolen geschlagen?

Die Rheintaler Unternehmen blicken auf turbulente Monate zurück. Die schwache Nachfrage in wichtigen Absatzmärkten, die US-Handelspolitik und geopolitische Konflikte haben insbesondere die exportorientierte Industrie belastet. Insgesamt zeigt sich die Rheintaler Wirtschaft aber bemerkenswert widerstandsfähig. Unsere aktuelle Umfrage zeigt: Rund zwei Drittel der Unternehmen beurteilen ihre Geschäftslage als gut oder sehr gut. Damit hat sich die Situation gegenüber dem Vorjahr deutlich verbessert.

Und wie sehen die Aussichten für die nächsten Monate aus?

Die Unternehmen blicken tendenziell optimistisch nach vorne. Rund 40 Prozent erwarten für 2027 eine Verbesserung ihrer Geschäftslage, gut die Hälfte rechnet mit einer stabilen Entwicklung. Allerdings zeigen sich gerade innerhalb der Industrie grosse Unterschiede: Während Zulieferbetriebe für die Halbleiterindustrie und den Verteidigungsbereich von einer starken Nachfrage profitieren, stehen insbesondere Automobilzulieferer vor grossen Herausforderungen. Eine nachhaltige Erholung der Industrie muss sich erst noch bestätigen. Stützend wirkt die robuste Binnenwirtschaft, allen voran der private Konsum.

In welchen Berufen sehen Sie noch einen Fachkräftemangel, und wo ist er Geschichte?

Besonders ausgeprägt ist er weiterhin im Baugewerbe: Knapp 70 Prozent der Rheintaler Baubetriebe bekunden Schwierigkeiten bei der Personalsuche. In der Industrie hat sich die Lage konjunkturell bedingt etwas entspannt. Verschwunden ist der Fachkräftemangel damit aber nicht: Mit der Pensionierung der geburtenstarken Jahrgänge wird er sich strukturell weiter verschärfen.

Spüren Sie bei Ihren Mitgliedern Widerstände gegen die Bilateralen III, oder ist die Pro-Haltung einhellig?

Die Zustimmung ist in der Ostschweizer Wirtschaft breit abgestützt. In einer Umfrage beurteilen 86 Prozent der IHK-Mitglieder die bilateralen Verträge als sehr wichtig bis eher wichtig. Das erstaunt nicht: Knapp 60 Prozent der Ostschweizer Warenexporte gehen in den EU-Raum, rund drei Viertel der Warenimporte stammen aus der EU. Gewisse Bedenken stellen wir in Bezug auf eine angebliche «Bürokratieflut» fest. Tatsächlich hat die EU ein Überregulierungsproblem. Aber wegen der Bilateralen III droht hierzulande keine ausufernde Bürokratie. Das Vertragspaket sieht die Übernahme von weniger als 1 Prozent des EU-Binnenmarktrechts vor. Gleichzeitig schafft es Entlastung: Ohne funktionierenden Vertrag müssten beispielsweise viele Produkte sowohl in der Schweiz als auch in der EU doppelt zertifiziert werden.

Welche Themen treiben Sie um, wenn Sie an die Zukunft des Rheintals denken?

Mich beschäftigt die Zukunft unseres Industriestandorts. Das Rheintal verfügt über aussergewöhnliche technologische Kompetenzen und zahlreiche Weltmarktführer. Doch Handelskonflikte, neue Wettbewerber, KI und der demografische Wandel verändern die Spielregeln in hohem Tempo. Unsere Unternehmen müssen investieren und neue Märkte erschliessen können. Dafür braucht es offene Märkte, qualifizierte Fachkräfte, eine leistungsfähige Infrastruktur und weniger Bürokratie. Der Wohlstand von morgen muss heute erarbeitet werden.