Zweieinhalb Jahre im Sattel | Der Rheintaler

Wienacht-Tobel | Altstätten 30.05.2022

Zweieinhalb Jahre im Sattel

Job künden, Haushalt auflösen, Velo packen und los geht’s: Heidi Naschberger und Rolf Straub radeln nach Madagaskar.

Von Sara Burkhard
aktualisiert am 03.11.2022

 

 

In der Dachwohnung neben dem Kamin steht ein Stapel Hosen, auf dem Schreibtisch ist fein säuberlich alle Technik ausgebreitet. Licht, Navigationsgerät, eine Actionkamera für den Helm, faltbares Solarpanel, um alles aufzuladen. Neben der Tür sind Schlafsäcke, Zelt und Schlafunterlagen ausgelegt. Auf dem Küchentisch türmen sich Kochutensilien: Sturmküche, ein kleiner Behälter mit trockenen Ästen, Gewürze in Plastiksäckchen, Leinsamen, etwas Reis, Nudeln, Bulgur. Wo man in der Wohnung auch hinschaut stapelt sich Gepäck, das bald schon in den Velo-Packtaschen von Heidi Naschberger und Rolf Straub verschwinden wird. 

Doch auch wenn das Gepäck überall verstreut ist: Es lässt eine spartanische Zeit auf dem Velo erahnen. So wenig – und doch so viel, wenn man alles selbst mitstrampeln muss. «Winterkleider packe ich aber keine. Jetzt schon eine warme Jacke zu transportieren, ergibt keinen Sinn. Ich kaufe eine Jacke, wenn ich eine brauche, da wo wir dann halt sind», erklärt Heidi Naschberger schulterzuckend, während sie ihre kleine Sammlung mit Kleidern zeigt. Sie hat bis auf die Website ihres Geschäftes, das psychologische Beratung anbietet, ihre gesamte Existenz in Altstätten aufgelöst. Bis zum Tag der Abfahrt packen Naschberger und Straub ihre Habseligkeiten im bald ehemaligen Wohnzimmer von Rolf Straub in Wienacht-Tobel fertig.  

Zum ersten Mal länger als ein paar Tage auf dem Velo

Das Ziel, das sich Heidi Naschberger und Rolf Straub gesetzt haben, ist ambitioniert. Am Sonntag, 19. Juni, fahren sie los, mit Ziel Madagaskar. Genauer gesagt geht es in ein Dorf im Nordosten der Insel, die im Indischen Ozean liegt. «Ich wollte schon lange einmal ohne Flieger eine richtig weite Reise machen», erzählt Straub. 

Auch die Dauer ist bei einem so grossen Projekt nicht exakt planbar. «Läuft alles perfekt, sind wir vielleicht in einem oder eineinhalb Jahren in Madagaskar», sagt Rolf Straub. Eine sehr ungenaue Angabe, die vermuten lässt: Einen Zeitplan einzuhalten, steht nicht im Vordergrund; das Ziel ist wichtig – die Reise dorthin jedoch ebenso. Hier werden nicht nur Kilometer, sondern vor allem auch Erlebnisse gesammelt. Und wenn man angekommen ist, muss man ja dann irgendwann auch wieder mit dem Velo zurück. «Wir werden einfach so lange weiterstrampeln wie das Geld reicht, die Gesundheit funktioniert und es auch geopolitisch verantwortbar ist – und wir es miteinander aushalten», lacht Heidi Naschberger. 

Aus reinem Zufall stolperte er vor Ort über ein soziales Engagement, gründete in einem Dorf das Hilfsprojekt «Société Malagasy Suisse». «Ich bin ausgebildeter Sozialarbeiter und dachte, dass ich mit meiner Erfahrung helfen kann», sagt Straub. Dank einer sehr engagierten Lokalbevölkerung konnte so beispielsweise ein Brunnen gebaut werden. Ein Meilenstein für das Dorf, das bisher ohne sauberes Wasser auskommen musste. Und genau dieses Dorf ist nun das Ziel der Reise.

Während Straub schon abenteuerliche Reisen unternahm, stellt sich für Heidi Naschberger die Lage etwas anders dar: «Länger als ein paar Tage habe ich noch nie auf dem Velo verbracht, das wird bestimmt eine Herausforderung», ist sie sich bewusst – aber eine, worauf sie sich freut. Das Ziel steht also fest, die Route jedoch nicht. Je nach Wetter und vor allem der politische Lage in den zu passierenden Ländern, wird das Paar die Strecke anpassen müssen. Läuft alles optimal, führt die Reiseroute von der Schweiz über Süditalien nach Albanien oder Griechenland, von dort nach Bulgarien, in die Türkei, nach Georgien und Iran. «Weder West- noch Ostafrika sind momentan möglich, und die Lage kann sich auch noch jederzeit verändern, bis wir dahin kommen. Es wird auch nötig sein, die Velos zweimal zu verschiffen. Wahrscheinlich von Omar nach Kenia und dann von Moçambique nach Madagaskar.» Fest steht jedoch noch nichts und vieles bereitet noch etwas Kopfzerbrechen. 

Auch die Dauer ist bei einem so grossen Projekt nicht exakt planbar. Rolf Straub:

Läuft alles perfekt, sind wir vielleicht in einem oder eineinhalb Jahren in Madagaskar

Eine sehr ungenaue Angabe, die vermuten lässt: Einen Zeitplan einzuhalten, steht nicht im Vordergrund; das Ziel ist wichtig – die Reise dorthin jedoch ebenso. Hier werden nicht nur Kilometer, sondern vor allem auch Erlebnisse gesammelt. Und wenn man angekommen ist, muss man ja dann irgendwann auch wieder mit dem Velo zurück. «Wir werden einfach so lange weiterstrampeln wie das Geld reicht, die Gesundheit funktioniert und es auch geopolitisch verantwortbar ist – und wir es miteinander aushalten», lacht Heidi Naschberger. 

Reise mit einem höheren Ziel

Neben der persönlichen Herausforderung, an der beide wachsen wollen, verfolgt das Paar jedoch noch ein weiteres Ziel. Sie wollen dem Dorf, das Straub seit sechs Jahren begleitet, zusätzliche Hilfe zur Selbsthilfe zu­kommen lassen. Das Veloprojekt dient dabei als Plattform, denn das Paar fährt mit Informationsschildern an den Velos, auf denen ihre Website angegeben ist. Dort findet sich ein Reiseblog und Hinweise zu einer Spendenadresse. Aktuell geht es darum, in Madagaskar eine Berufsschule aufzubauen, sowie den älteren und pflegebedürftigen Menschen bessere Wohnmöglichkeiten anbieten zu können.  

Noch sind Naschberger und Straub mit dem Aussortieren, Verkaufen und Abschiednehmen beschäftigt. Doch bald schon geht es los – und das Paar macht sich auf viele Überraschungen gefasst. Der erste Zwischenstopp steht bereits fest: «Wir fahren erst mal Richtung Tirol und gratulieren meinem Vater zum Geburtstag. Und dann geht es vom Tirol nach Madagaskar», sagt Naschberger. 

Das Reisetagebuch sowie Projektinformationen gibt es auf www.cycling4madagascar.ch.