Widnau vor 1 Stunde

Zwischen Applaus und Mut zeigt der Hochseilartist die Kraft des Glaubens

Ein Hochseilartist balanciert scheinbar mühelos über den Abgrund – doch als es ernst wird, bleibt die Schubkarre leer. Genau darin spiegelt sich die Botschaft von Ostern: Glaube heisst mehr als zustimmen, er wächst dort, wo Vertrauen gewagt wird.

Von Georg Changeth, Pfarrer
aktualisiert vor 1 Stunde

Ostern liegt hinter uns, und doch beginnt mit Ostern erst etwas. Wir haben das zentrale Fest unseres Glaubens gefeiert: die Auferstehung Jesu. Ein Fest, das uns zusagt: Das Leben ist stärker als der Tod, die Hoffnung stärker als die Angst. Jesus hat den Tod besiegt. Das ist mehr als eine fromme Botschaft. Es ist eine Einladung zum Vertrauen. Denn wo wir nicht mehr weiterwissen, wo Wege enden und Sicherheiten zerbrechen, da gilt:

Wir sind nicht allein.
Gott geht mit. Gerade dann.

Unwillkürlich kommt einem ein altes Sprichwort in den Sinn: «Die Hoffnung stirbt zuletzt.» Aber stimmt das wirklich? Oder beginnt Hoffnung genau dort, wo wir den Mut finden, zu vertrauen?

Eine Geschichte kann das verdeutlichen: In einer Stadt spannt ein Artist ein Hochseil über den Köpfen der Menschen. Vor den Augen der Menge balanciert er sicher hinüber, sogar mit einer Schubkarre. Tosender Applaus. Dann fragt er: «Glauben Sie, dass ich das noch einmal schaffe?»

«Natürlich!», rufen alle begeistert. Doch als er fragt: «Wer setzt sich hinein?», wird es still. Alle glauben, aber keiner vertraut so weit, dass er sein Leben in die Hände des Artisten legt.

Genau hier begegnen wir auch dem Apostel Thomas. Er war nicht dabei, als der Auferstandene den Jüngern erschien. Und er sagt ehrlich:

Ich kann das nicht einfach glauben. Ich muss es sehen und begreifen.

Ist das nicht zutiefst menschlich? Viele Menschen empfinden heute ähnlich: Worte allein überzeugen nicht. Erst wenn ich etwas erfahre, wenn ich es spüre, wird es wirklich. Und doch zeigt uns die Geschichte von Thomas: Glaube beginnt oft im Zweifel, aber er bleibt dort nicht stehen. Als Jesus ihm begegnet, bricht etwas auf. Und Thomas spricht eines der tiefsten Glaubensbekenntnisse der Bibel:

Mein Herr und
mein Gott!

Der Artist auf dem Seil macht deutlich: Glauben heisst mehr als zustimmen. Glauben heisst: sich hineinwagen. Vertrauen wagen. Dieser Glaube lässt sich nicht einfach lernen wie ein Schulstoff. Er wächst aus Erfahrung. So wie kein Mensch durch Theorie lieben lernt, sondern nur durch gelebte Liebe, so wächst auch der Glaube dort, wo Menschen ihn erfahren: in Gemeinschaft, im Miteinander, im gelebten Vertrauen.

Thomas bleibt nicht stehen

Aus dem Zweifelnden wird ein Glaubender. Aus dem Suchenden ein Zeuge. Der Überlieferung nach geht er sogar bis nach Indien, um von Christus zu erzählen. Er hat sich, bildlich gesprochen, wirklich «in die Schubkarre gesetzt».

Ostern ist nicht vorbei. Es beginnt am leeren Grab, aber es setzt sich fort: in jedem guten Wort, in einer helfenden Hand, in einem Lächeln, das Licht bringt. Überall dort, wo Leben neu aufblüht, wird Ostern Wirklichkeit.

Dann wird aus einem alten Sprichwort eine lebendige Wahrheit: Die Hoffnung stirbt nicht – sie lebt.