Tanja La Croix, wenn Sie Ihr Leben als Musikstück beschreiben müssten – eher ruhig oder voller Energie?
Wenn ich mein Leben als Musikstück beschreiben müsste, dann wäre es definitiv kein ruhiger, zurückhaltender Song. Es hat vielmehr wie ein kraftvoller Auftakt begonnen – mit viel Druck, Tempo und Emotion. Da war enorm viel Energie, aber auch Höhen und Tiefen, fast wie Wechsel zwischen intensiven und ruhigeren Passagen, die sich ständig abgewechselt haben.
Mit der Zeit hat sich das verändert. Mein Leben ist nicht mehr nur laut und vorwärtsgerichtet, sondern melodischer geworden, strukturierter und stimmiger. Es ist mehr Balance entstanden, mehr Tiefe. Vielleicht nicht mehr dieses durchgehend intensive Stück, sondern eher eines, das wächst, Raum lässt und emotional mehr erzählt.
Früher war es mehr Unruhe und Energie. Heute ist es immer noch kraftvoll, aber bewusster, ruhiger und nachhaltiger.
An welchen Projekten arbeiten Sie aktuell?
Aktuell arbeite ich intensiv an meinem Anlass rund um die Street Parade, der bereits zum fünften Mal im Club Baur au Lac stattfindet. Parallel dazu laufen die Planungen für zwei Kunstausstellungen, die im Juni und September in Zürich umgesetzt werden. Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt liegt auf der Produktion eines neuen Songs, an dem ich derzeit arbeite. Zudem erweitere ich ab Mai meine Tätigkeit im Radio: Neben meiner Sendung auf Toxic FM werde ich neu auch eine Sendung auf HFM Ibiza übernehmen.
Sie sind nicht mehr «nur» Künstlerin, Sie sind auch Mutter. Wie hat dies Ihr Leben und Ihre Prioritäten verändert?
Seit ich Mutter bin, haben sich mein Leben und vor allem meine Prioritäten deutlich verändert. Ich konzentriere mich stärker auf nachhaltige und sinnvolle Projekte und setze meine Energie gezielt dort ein, wo ich wirklich etwas aufbauen kann. Gleichzeitig haben meine Auftritte eine neue Qualität bekommen. Ich bin heute auf der Bühne noch präsenter als früher, weil ich mich jedes Mal bewusst darauf freue. Diese Momente sind nicht selbstverständlich – und genau deshalb schätze ich sie intensiver.
Die Mutterschaft hat mir geholfen, klarer zu fokussieren, bewusster zu entscheiden und das, was ich tue, tiefer zu erleben.
Sie stehen seit Jahren im Rampenlicht – gab es Momente, in denen Ihnen alles zu viel wurde?
Dieses Gefühl hatte ich so nie. Natürlich gibt es Phasen, in denen ich bewusst Abstand nehme und mich etwas zurückziehe – das gehört für mich dazu und ist wichtig, um bei mir selbst zu bleiben. Ich bin mir sehr bewusst, was mein Beruf mit sich bringt. Erkannt zu werden oder angesprochen zu werden, ist Teil davon. Ich gehe damit aber entspannt und natürlich um. Am meisten berührt mich der direkte Kontakt mit den Menschen. Vor allem nach Auftritten, wenn Menschen auf mich zukommen – von Jugendlichen bis hin zu Führungspersönlichkeiten. Diese Vielfalt zeigt mir, dass meine Musik ganz unterschiedliche Menschen erreicht. Das macht mich stolz. Und es ist vielleicht der ehrlichste Applaus, den man bekommen kann.
Was war der emotionalste Augenblick Ihrer Karriere?
Ein besonders prägender Moment war 2011, als ich im Rahmen der Street Parade als Aushängeschild ausgewählt wurde. Das hat mich mit grossem Stolz erfüllt. Gerade auch, weil ich zuvor mit Ablehnung und fehlender Akzeptanz innerhalb der Szene konfrontiert war. Diese Anerkennung hat mir gezeigt, dass sich Durchhaltevermögen lohnt und ich auf dem richtigen Weg bin. Solche Momente erlebe ich aber bis heute immer wieder – jedes Mal, wenn ich spüre, dass ich Menschen mit meiner Musik erreichen und für einen Moment in eine andere Welt mitnehmen kann.
Sie sind viel unterwegs – wo fühlen Sie sich wirklich zuhause?
Ich war schon immer viel unterwegs, zuerst als Model, später als DJ. Meine Mutter hat mich früher oft liebevoll «Vagabund» genannt – und ganz unrecht hatte sie damit nicht. Reisen, neue Kulturen und Orte zu entdecken, war für mich lange wichtiger als ein fester Ort. Heute hat sich das verändert.
Früher war mein Leben von Tempo und Unruhe geprägt – heute ist es bewusster und ausgeglichener.
Mit meiner kleinen Familie bin ich sehr gerne im Glarnerland. Dieses ruhige Plätzchen zwischen den Bergen ist für mich ein Ort geworden, an dem ich wirklich ankomme und neue Kraft tanke. Gleichzeitig bleibt St. Gallen ein Stück Heimat. Dort sind meine Wurzeln, meine Familie und viele Erinnerungen.
Was unterschätzen die Menschen an Ihrem Beruf am meisten?
Viele unterschätzen, dass es nicht nur um Musik geht, sondern um Energie. Das Einzige, was ich wirklich leisten muss, ist mein Energielevel. Ich muss die Musik spüren und sie ans Publikum weitergeben können. Alles andere – Erwartungen von aussen oder Druck – blende ich bewusst aus. Ich konzentriere mich auf das, was ich beeinflussen kann: Präsenz, Ausdruck und Verbindung.
Sie haben sich immer wieder neu erfunden – was treibt Sie an?
Routine ist für mich schwierig, sie fühlt sich schnell wie Stillstand an. Ich brauche Entwicklung, Abwechslung und neue Herausforderungen. Ich bin auch sehr anspruchsvoll mit mir selbst und habe klare Visionen, die ich bildlich vor mir sehe. Diese geben mir Richtung und Antrieb. Was dabei immer zentral bleibt, ist Authentizität, Ehrlichkeit und Loyalität – mir selbst und anderen gegenüber.
Gab es eine Begegnung, die Sie besonders geprägt hat?
Ja. Als ich mit 20 Jahren in Athen als Model gearbeitet habe, traf ich einen deutschen Obdachlosen. Er erzählte mir, dass er früher sehr wohlhabend war und alles verloren hat. Diese Begegnung hat meinen Blick auf das Leben nachhaltig verändert. Sie hat mir gezeigt, wie vergänglich alles ist – und wie wichtig Dankbarkeit und Demut sind.
Wie hat sich Ihr Blick auf Erfolg verändert?
Er hat sich weniger verändert als vertieft. Nachhaltigkeit war für mich schon immer wichtig. Früher hatte ich das Gefühl, dass vieles schneller passieren muss. Heute bin ich geduldiger geworden. Ich lasse Entwicklungen mehr Raum und vertraue darauf, dass Dinge entstehen, wenn sie bereit sind. Erfolg ist für mich heute weniger Druck und mehr ein bewusster Weg.
Das Wichtigste ist meine Energie – alles andere ordnet sich unter.
Wenn Sie Ihrem jüngeren Ich einen Rat geben könnten – welcher wäre das?
Nicht jedem Gedanken sofort zu glauben. Wir neigen dazu, Dinge im Kopf grösser und negativer zu machen, als sie sind. Ich würde meinem jüngeren Ich sagen: Vertrauen Sie mehr, lassen Sie auch das Gute zu – und versuchen Sie nicht, alles kontrollieren zu wollen. Manchmal reicht es, einfach zu sein.
Wann sind Sie einfach nur Tanja – ganz ohne Öffentlichkeit?
Eigentlich immer. Aber besonders spürbar wird es in der Natur. Wenn ich meine Wanderschuhe anziehe und ohne Make-up in die Berge gehe, bin ich ganz bei mir. Dann brauche ich nichts Inszeniertes – nur Ruhe, Einfachheit und den Moment. Diese stille Seite ist genauso ein Teil von mir wie die energiegeladene auf der Bühne. Dazwischen entsteht mein Gleichgewicht.
Hand aufs Herz: Was wünschen Sie sich heute mehr – Ruhe oder den nächsten Adrenalinschub?
Ich wünsche mir die richtige Balance. Zwischen dem bewussten Erleben mit meiner Familie und dem konsequenten Verfolgen meiner Visionen. Ich habe erkannt, dass mich langfristig nur das Zusammenspiel aus beidem erfüllt: Ruhe und Dynamik.
Zur Person
Tanja La Croix wurde 1982 in St. Gallen geboren und wuchs in der Ostschweiz auf. Ihre Karriere begann sie als Model, bevor sie Mitte der 2000er-Jahre in die Musikszene wechselte und sich rasch als DJane etablierte. Einen wichtigen Meilenstein erreichte sie 2011 als offizielles Aushängeschild der Street Parade. Seither steht sie regelmässig auf Bühnen im In- und Ausland und hat sich mit ihren Auftritten ein breites Publikum aufgebaut. Neben der Musik arbeitet sie an eigenen Produktionen, ist im Radio tätig und setzt kreative Projekte um. Privat lebt sie in der Schweiz, ist Mutter und findet ihren Ausgleich bewusst in der Natur.
Zwischen Tempo und Tiefe – wie Tanja La Croix ihr Leben neu ausbalanciert