Hochwasserschutz vor 1 Stunde

Das Projekt Rhesi steht nach 17 Jahren intensiver Planung – aber erst auf dem Papier

Die Internationale Rheinregulierung (IRR) hat am Mittwoch, 20. Mai, das Hochwasserschutzprojekt Rhesi den Behörden im Kanton St. Gallen und dem Land Vorarlberg zur Bewilligung eingereicht. Nach fast 20 Jahren Planung geht’s nun an die Umsetzung des Jahrhundertprojekts.

Von Yves Solenthaler
aktualisiert vor 1 Stunde

IRR-Geschäftsführer Markus Mähr erinnerte sich an die Anfangszeit:

Vor 15 Jahren habe ich als Rhesi-Projektleiter begonnen, damals noch in einem Büro an der Feuerwehrstrasse in Rorschach. Es gab einen Mitarbeiter, der für die Administration zuständig war.

Sein Auftrag: das Hochwasserschutzprojekt Rhesi bis zum Bewilligungsverfahren voranbringen, «das stand sogar im Arbeitsvertrag.»

Inzwischen hat Markus Mähr zehn Mitarbeitende, der IRR-Hauptsitz befindet sich in Lustenau, einen Wasserschwall vom Rhein entfernt. Sein Team hat den, wie ein Experte einmal sagte, «unlösbaren gordischen Knoten» gelöst und unter Mitarbeit des Kantons St. Gallen, des Landes Vorarlberg und auch der Gemeinden am Rhein ein Projekt erstellt, das nun in Österreich zur Genehmigung eingereicht und in der Schweiz in die Vorprüfung geschickt worden ist. Das Dossier enthält 763 Einlagen und Pläne im Umfang von 500 m2.

«Wir haben’s geschafft, Job done!», sagte Mähr am Mittwoch an der Medienkonferenz. Dabei dankte er auch den Kritikerinnen und Kritikern von Rhesi: «Sie argumentierten in der Sache hart, wurden aber nie persönlich. Und einige brachten Einwände ein, die das Projekt verbesserten.»

Zeitgemässe Version des Rheindurchstichs

Die Anfänge des Hochwasserschutzprojekts Rhesi (Rhein, Erholung, Sicherheit) reichen zurück bis zum Entwicklungskonzept «Alpenrhein 2005», das gezeigt hat, dass die Abflusskapazität des Rheins zwischen der Illmündung und dem Bodensee nicht mehr ausreicht. Ein grosses Hochwasser, wie es statistisch alle 300 Jahre vorkommt, würde im beidseits dicht besiedelten Gebiet über 300 000 Menschen gefährden und bis zu 14 Milliarden Franken Schaden verursachen. Durch Rhesi wird die Abflusskapazität um rund 40 Prozent auf 4300 Kubikmeter pro Sekunde erhöht. «Unsere Vorgänger haben vor über 100 Jahren mit der Rheinkorrektion den Grundstein für das Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum im Rheintal gelegt. Mit diesem Erfolg stieg aber auch das Schadenpotenzial im Hochwasserfall immer weiter an, sodass jetzt ein besserer, zeitgemässer Hochwasserschutz nötig ist», sagt die St. Galler Regierungsrätin Susanne Hartmann. Vorarlbergs Landeshauptmann Markus Wallner betonte zudem die Aufwertung des Alpenrheins in ökologischer Hinsicht und als Ort der Freizeitgestaltung der Menschen: «Rhesi ist das grösste Renaturierungsprojekt Europas.»

Die Kosten von Rhesi betragen nach aktuellem Stand rund zwei Milliarden Franken, die Finanzierung ist gesichert. «Job done» gilt aber nur in Bezug auf Markus Mährs ersten Arbeitsvertrag. Abgeschlossen ist, grob gesagt, die Planungsphase, nun geht’s an die Umsetzung von Rhesi – und die dauert, so viel kann gesagt werden, nochmals länger als die Arbeit bis zu den Bewilligungsverfahren gedauert hat.

Rhesi-Bauwagen

Rhesi ist ein Projekt für die nächste Generation, mit dem Rhesi-Bauwagen sollen deshalb auch Jugendliche angesprochen werden. Die teilweise interaktiven Tafeln sind aber auch für Erwachsene aufschlussreich, und die kieselförmigen Sessel im TV-Raum haben Kultpotenzial. Die Internationale Rheinregulierung geht mit dem Bus on Tour: Am 14. Juni an der Kilbi Diepoldsau und am 26. Juni am Mobilitätsanlass «Rheintal bewegt» in Au.

Markus Wallner rechnet damit, dass das Bewilligungsverfahren in «eineinhalb bis spätestens zwei Jahren» abgeschlossen sein wird. Auch die St. Galler Regierungsrätin Susanne Hartmann geht davon aus, dass in der Schweiz die öffentliche Auflage bis 2028 vorliegt. Es wurde so geplant, dass die öffentlichen Teile der Verfahren – die Verhandlung in Österreich und die öffentliche Auflage in der Schweiz – zeitlich koordiniert stattfinden. 

In dieser Zeit können Einsprachen eingereicht werden, was mit hoher Wahrscheinlichkeit geschehen wird. Landwirtschaftliche Kreise und Umweltverbände sind Rhesi gegenüber kritisch bis ablehnend eingestellt – und wenn ein Fall zum Beispiel bis vors Bundesgericht gezogen wird, kann dies den Baustart um mehrere Jahre verzögern. Markus Wallner appellierte geradezu, von Einsprachen gegen Rhesi abzusehen, auch wegen des dringend benötigten Hochwasserschutzes. Mähr bittet die Öffentlichkeit darum, «das grosse Ganze zu sehen». Viele berechtigte Einzelinteressen seien schon ins vorliegende Rhesi-Projekt eingeflossen: «Mit Maximalforderungen erreichen wir nichts.»

Können wir 2050 in Auenwäldern spazieren?

Von den Einsprachen hängt ab, wann der Bau beginnt. Die Frage nach dem möglichen Termin für den Baubeginn war die erste an der Medienkonferenz, nachdem die Regierungsmitglieder und IRR-Chefs ihre Reden beendet hatten. Markus Mähr sagte, dass ein Baubeginn zum Ende dieses oder zu Beginn des nächsten Jahrzehnts aus optimistischer Sicht realistisch sei. Die Bauarbeiten dürften weitere 20 Jahre dauern.

Wenn wir im Jahr 2050 am Rheinufer durch Auenwälder spazieren dürfen, können wir sagen: Rhesi ist wie am Schnürchen entstanden.