Christlich • vor 3 Stunden

Der Herbst schenkt Trost inmitten von Vergänglichkeit

Leuchtende Farben und fallende Blätter erzählen im Herbst von Schönheit und Vergänglichkeit. Gerade im Loslassen liegt eine tröstliche Zusage: Wir fallen nicht ins Leere, sondern dürfen uns von Gott getragen wissen.

Von Hansueli Walt, Pfarrer
aktualisiert vor 3 Stunden

Haben Sie eine Lieblingsjahreszeit? Oder haben für Sie alle Jahreszeiten ihre schönen Seiten? Die Beständigkeit der Jahreszeiten wird in der Bibel als direkte Zusage Gottes an die Menschheit beschrieben: «Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.» (1. Mose 8,22). Der Herbst ist die Zeit des Erntens. So wurden in den letzten Wochen in vielen Kirchen Erntedankgottesdienste gefeiert. 

Der Herbst ist auch die Zeit der kräftigen Farben: die wärmende Sonne, die alles in ein goldenes Licht taucht. Das Laub, das sich vielfarbig noch an den Ästen festhält. Der Nebel, der Landschaften mystisch verwandelt:

Im Nebel ruhet noch die Welt, / Noch träumen Wald und Wiesen: / Bald siehst du, wenn der Schleier fällt, / Den blauen Himmel unverstellt, / Herbstkräftig die gedämpfte Welt / In warmem Golde fliessen.

So dichtete Eduard Mörike. Die Farben leuchten im Herbst. Die Bäume zeigen sich nochmals von ihrer schönsten Seite. Als ob sie sagen wollten: «Schaut uns noch einmal an. Lasst euch wärmen von den vielen Farben, die in der Herbstsonne warm leuchten.» Diese Erinnerung an die Herbstfarben trägt uns durch dunkle Wintertage hindurch. Sie stärkt uns, bis ein neuer Frühling kommt. Bäume, Felder und Hügel werden im Herbstlicht weichgezeichnet. Es erscheint alles in einem wohltuend gnädigen Licht.

Der Herbst ist die Zeit der Ernte, der zauberhaften Stimmungen, aber auch die Zeit der Vergänglichkeit, des Verfalls. Das hat Dichter wie Rainer Maria Rilke angeregt:

Die Blätter fallen, sie fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten, sie fallen mit verneinender Gebärde … Wir alle fallen, diese Hand da fällt, und sieh dir andre an, es ist in allen. Und doch ist Einer, der dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält. 

Rilke gelingt es, das biologische Geschehen in eine tröstliche Perspektive zu rücken. Der Schlussvers im Gedicht beginnt mit einem «Und doch». Es ist der Einspruch und der Trost des Glaubens. Es ist Einer, der dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält. Zärtlicher kann nicht getröstet werden. Loslassen gehört zum Leben dazu, wie die Blätter im Herbst. Aber wir fallen nicht ins Leere. Mitten im Vergehen und in der eigenen Verletzlichkeit dürfen wir darauf vertrauen, dass wir von Gott getragen und bei ihm geborgen sind.