Christlich vor 7 Stunden

Ein Gedankenexperiment zeigt, wie Kinder das Leben sehen

Eine scheinbar einfache Unterrichtsidee wird zur eindrücklichen Erfahrung: Eine sechste Klasse setzt sich zeichnend mit dem eigenen Leben auseinander und wird unerwartet unterbrochen. Die Übung führt zu überraschend tiefgründigen Einsichten über Leben, Tod und das, was dazwischen liegt.

Von Lucas Kägi, Sozialdiakon
aktualisiert vor 7 Stunden

Wer Kinder hat oder mit Kindern zu tun hat, wird mir wohl zustimmen, wenn ich sage, dass sie uns immer wieder zum Staunen bringen. Heute will ich Ihnen von meiner sechsten Klasse erzählen. Ende März habe ich sie gefragt, welche Themen sie interessieren würden.

Wir sammelten Vorschläge und stimmten ab. Vielleicht denken Sie jetzt, das kommt sicher nicht gut und ich würde mit meinen Schülern und Schülerinnen das Thema «Fortnite» (ein Onlinespiel) behandeln. Dann muss ich Sie enttäuschen. Die beiden Gewinner der Wahl sind «Was kommt nach dem Tod?» und «Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau». Das Thema «Leben und Tod» wird im Konfirmationsunterricht tiefer behandelt. Da wir aber nur noch eine Lektion vor den Frühlingsferien hatten, bot ich ihnen an, diese für das Thema zu nutzen.

Eine unerwartete Wendung

Die Lektion begann damit, dass ich A 3-Blätter verteilte mit dem Auftrag: «Zeichnet auf dieses Blatt euer Leben von der Geburt bis zum Tod. Da ihr nur ein Leben habt, bekommt ihr auch nur ein Blatt. Während des Zeichnens wird nicht gesprochen und nicht abgeschaut, denn es ist euer Leben und nicht das des Nachbarn.» Zur Übung habe ich ruhige Musik abgespielt.

Zunächst liess ich die Kinder zeichnen. Nach einer gewissen Zeit ging ich herum und malte Striche auf ihre Blätter, verknickte Ecken und schubste die Kinder beim Zeichnen. 

Ein wenig später sagte ich zu einer Schülerin, sie solle rausgehen, das Blatt könne sie liegen lassen. «Aber ich habe doch gar nichts gemacht und bin auch noch nicht fertig», antwortete sie. Vor dem Schulzimmer schloss ich die Tür hinter uns und sagte zu ihr: «Du bist gestorben.» Entsetzt schaute sie mich an. Ich öffnete die Tür zum anderen Klassenzimmer. Darin hatte ich einen «Zvieri» angerichtet und die Spielekonsole an den grossen Bildschirm angeschlossen. «Viel Spass im Paradies», sagte ich zu ihr und ging zurück zur Klasse.

Die Kinder ziehen eigene Schlüsse

Nach und nach nahm ich die Schülerinnen und Schüler raus und sie durften ins andere Klassenzimmer wechseln. Als alle dort waren, besprachen wir die Übung miteinander.

Ich fragte sie: «Was denkt ihr, warum war ich so gemein zu euch beim Zeichnen?»; «Seid ihr fertig geworden?»; «Warum mussten einige von euch früher aufhören?»; «Warum liess ich einige von euch warten, obwohl ihr schon fertig wart?»; «Warum sind wir jetzt in diesem Zimmer mit diesen Sachen?»

Die Kinder gaben mir tiefgründige und starke Antworten: «Es läuft nicht immer nach Plan.»; «Störungen sind Teil des Lebens.»; «Man weiss nicht, wie lange man lebt.»; «Ältere Menschen sind wohl oft allein und warten.»; «Wir sind nun bei Gott. Hier ist alles gut.»

Machen Sie doch selbst einmal solch ein Gedankenexperiment oder fragen Sie sich, wie Sie anstelle der Kinder gehandelt und geantwortet hätten.

In diesem Sinne einen gesegneten Sonntag.