Fussball vor 47 Minuten

Für den FC St.Gallen ist am Cupfinal alles angerichtet

Am Pfingstsonntag will der FC St.Gallen im Berner Wankdorf einen 57 Jahre alten Bann brechen. Im 101. Schweizer Cupfinal heisst der Gegner Stade Lausanne-Ouchy. Der Optimismus bei den Fans ist gross – dennoch schwingt eine grosse Portion Respekt mit.

Von Martin Oswald
aktualisiert vor 46 Minuten

«Ich würde meine Frau, die Kinder und mein Haus verkaufen, um an diesem Spiel dabei zu sein», sagt ein St.Galler Fan mit Augenzwinkern, während er für ein Cupfinal-Ticket ansteht. Die riesige Euphorie untermalt auch eine Episode um Captain Görtler: «Die Gemeinde Tübach hat mich auf Linkedin kontaktiert und gefragt, ob ich Tickets organisieren könne», sagte der Captain schmunzelnd. Selbst Gemeindeverwaltungen versuchten, an Karten zu kommen. Acht Extrazüge rollen am Sonntagmorgen in Richtung Bern. In der Ostschweiz hätten wohl über 30'000 Tickets für das Spiel in Bern verkauft werden können, doch das Kontingent für den Super-Ligisten war limitiert.

So werden viele Fans das Spiel zu Hause vor dem TV oder am Public Viewing auf dem St.Galler Marktplatz verfolgen müssen. Auf ebendiesem Marktplatz würde ein allfälliger Titelgewinn gefeiert werden. Die Spieler würden oben auf dem Balkon – neben dem Vadiandenkmal – den Pokal in die Höhe stemmen und eine ganze Region läge sich glückstrunken in den Armen. Noch ist das ein Konjunktiv, noch hat der Schiedsrichter die Partie nicht angepfiffen, noch hat der Favorit nichts gewonnen.

Die Ausgangslage: klarer Favorit – endlich

Zum dritten Mal in fünf Jahren steht der FC St.Gallen im Endspiel um den Schweizer Cup – und erstmals seit dem legendären 2:0 gegen Bellinzona im Jahr 1969 ist die Ausgangslage so vielversprechend, dass selbst eingefleischte Espen-Fans laut von einem Titel zu reden wagen. Seit dem Erfolg vor 57 Jahren gingen vier Cupfinals verloren – besonders tragisch war jener von 1998, als Edwin Vurens beim Stand von 2:0 für die Espen einen Penalty verschoss, Lausanne die Partie ins Penaltyschiessen rettete und schliesslich gewann.

Zwei Rheintaler dabei
Am Cupfinal stehen auch zwei Rheintaler im Einsatz: Betim Fazliji und Patrick Sutter. Die beiden kennen sich bestens, haben doch beide Jahrgang 1999 und eine gemeinsame Zeit beim FCSG-Nachwuchs erlebt. Später schafften es beide in den Profikader der Espen, ihre Karrieren entwickelten sich aber unterschiedlich. Der Rebsteiner Fazliji wechselte in die 2. Bundesliga zum FC St.Pauli und kehrte in die Ostschweiz zurück. Dort plagten ihn immer wieder Verletzungssorgen, doch in den letzten Wochen häuften sich die Teileinsätze des Mittelfeldspielers. Sutter stammt aus Rheineck und kam in 60 Spielen für die erste Mannschaft des FCSG zum Einsatz. Im Sommer 2024 wechselte er dann zu Stade Lausanne-Ouchy. In der aktuellen Saison kam Sutter auf 16 Einsätze mit insgesamt 901 Spielminuten. (rez)

Anders als bei den schmerzhaften Finalniederlagen 2021 gegen Luzern und 2022 gegen Lugano gehen die Ostschweizer als Favorit in die Partie. Die Mannschaft von Enno Maassen ist in dieser Spielzeit äusserst stabil unterwegs und sicherte sich hinter Meister Thun den zweiten Rang – gleichbedeutend mit der Qualifikation für Europa. Auch die Bilanz gegen Ouchy spricht eine deutliche Sprache: Als die Waadtländer 2023/24 für ein Jahr in der Super League weilten, gewannen die Ostschweizer alle drei Direktduelle: mit 4:0 und 1:0 zu Hause, mit 5:2 auf der Pontaise. Ein Klassenunterschied zeigt sich auch auf den Rängen. Während St.Gallen regelmässig vor 18'000 Zuschauern spielt, begleiten ein paar Hundert die Heimspiele der Lausanner.

Trainer Enrico Maassen warnt – und improvisiert

Trotz der Favoritenrolle übt sich der Trainer in Demut. «Es war das grosse Ziel vor der Saison, wieder den Cupfinal zu erreichen und dort sind wir jetzt. Aber es gibt keinen Grund, Ouchy zu unterschätzen.» Maassen verweist auf die Tücken eines Cupfinals. Zumal sich der Gegner auf eindrückliche Weise ins Endspiel gekämpft und auf dem Weg dorthin – dem grössten Erfolg der Vereinsgeschichte – Winterthur (1:0), Luzern (2:1) und im Halbfinal GC (2:0) ausgeschaltet hat. In der Branche sagt man Trainer Dalibor Stevanovic eine grosse Trainerkarriere voraus.

Sorgen bereitete dem FCSG in den letzten Wochen die Verletzungshexe. Erst verletzte sich Christian Witzig am Knöchel, dann fiel Rechtsverteidiger Tom Gaal aus, und schliesslich folgte der Kreuzbandriss von Talent Nino Weibel im Spiel gegen Lugano. Auch Jozo Stanic musste mit einer Knieprellung pausieren. Zudem fehlen Spieler wie Behar Neziri, Cyrill May, Enoch Owusu und Malamine Efekele. Maassen und sein Trainerteam mussten immer wieder improvisieren. Zuletzt war auch Cup-Goalie Lukas Watkowiak mit Rückenproblemen ausgefallen; es ist deshalb unklar, wer am Sonntag zwischen den Pfosten steht.

Die Schlüsselfiguren und worauf es ankommt

Doch Nachwuchskräfte sprangen in die Bresche und erledigten ihren Job ausgezeichnet, wie beispielsweise Joel Ruiz, der gegen Basel in der Verteidigung einen starken Eindruck hinterliess, oder Torschütze Nevio Scherrer. Auch stehen mit Mihajlo Stevanovic, Corsin Konietzke, Jordi Quintillà oder Betim Fazliji mehrere Ergänzungsspieler mit Qualität bereit, Ausfälle zu kompensieren. Nebst der Kaderbreite sollte aber auch das Mentale stimmen. 16 Spiele in Folge ging man nicht als Verlierer vom Platz – die imposante Serie riss erst Anfang Mai mit dem 0:3 gegen Sion.

Im Zentrum dieser Stabilität stehen fünf Figuren: Captain Lukas Görtler, Leader und Taktgeber, Abwehrchef Jozo Stanic, von den Super-League-Profis in die «Golden 11» der Saison gewählt, sowie Lukas Daschner und Carlo Boukhalfa, die Struktur und Ruhe am Ball bringen. Zudem spielt Torhüter Lawrence Ati Zigi eine starke Saison und rettete immer wieder mirakulös, zuletzt Luganos Penalty in der Nachspielzeit. Ganz vorne hofft man auf die wirbligen Aliou Baldé und Alessandro Vogt, wobei dessen Trefferquote zuletzt ins Stocken geraten ist.

Respekt, aber die Vorzeichen stimmen

Bei aller Euphorie gibt es genug Warnungen aus der eigenen Geschichte: Auch 2021 und 2022 reiste der FCSG voller Hoffnung nach Bern – und kehrte geschlagen heim. Hinzu kommt: In dieser Cupsaison taten sich die Ostschweizer gegen unterklassige Gegner schwer. Die Erinnerungen an die Cup-Duelle mit Klubs aus der Challenge League, Rapperswil-Jona und Wil, die jeweils erst nach Penaltyschiessen gewonnen wurden, sollten als Mahnung dienen.

Und dennoch: Selten waren die Vorzeichen für einen St.Galler Cup-Triumph so günstig. Er wäre die verdiente Belohnung für eine nicht von Erfolg verwöhnte Fussballregion und für einen Verein, der unter Präsident Matthias Hüppi wirtschaftliche Stabilität und enorme Identifikation erlangt hat. Die Spieler wissen um die Bedeutung dieses Titels. Man wünscht ihnen, daraus zusätzliche Energie zu gewinnen und keinen lähmenden Druck zu verspüren. Die Ostschweiz ist bereit für ein Freudenfest.