Als dieser Schutt in Form einer Schlammlawine hereinkam, gab es noch keine USA. Und als das Gebäude – der «Convento» im kleinen Bergeller Dorf Casaccia am Fuss des Malojapasses – entstanden war, gab es noch nicht einmal die Schweiz. Die Ausgrabung des Kellers war eine Pionierleistung.
Die Arbeit im Keller ist extrem anstrengend. Mühsam. Die Gewölbe sind niedrig, zugeschüttet mit Lehm, Sand, Kies, Geröll. Es ist schweres Material, das die Gruppe mit Schaufeln, in Kübeln und mit etwas Glück in Garetten wegspediert. Die Spitzbohrer dröhnen, noch lauter dröhnt die Techno-Musik, damit man sie überhaupt hört. Im Hintergrund rumpeln die Förderbänder. Die Luft ist feucht und riecht muffig. Staub ist an den Kleidern, in den Haaren, den Ohren, der Nase, der Lunge. Die Handgelenke schmerzen, der Rücken wird steif, die Muskeln schwächeln. Wann ertönt endlich der nächste «Kafi!»-Ruf, wartet wieder eine frisch aufgebrühte Bialetti draussen auf der kleinen Piazza?
Die Projektleitung stammt aus dem Rheintal, besteht aus der in Balgach aufgewachsenen Dania Rezzoli und dem Rebsteiner Martin Lippuner. Sie wohnen im Ruppendörfli und verbringen viel Zeit im Bergell. Bei den Arbeiten konnten sie auf viele Freundinnen und Freunde aus dem Rheintal zählen.
Gemeinsamer Abschluss eines Mehrgenerationenprojekts
Das erste Dorf südlich des Malojapasses heisst Casaccia. Es zählt gut 60 Einwohner und besteht unter anderem aus alten Häusern. Eines davon trägt den Namen «Casa Cunvent», «Convento» genannt. Dieses Haus, 1520 erbaut, hat eine lange Geschichte und ist mit dem Rheintal verbunden. In den letzten drei Jahren haben Freiwillige mitgeholfen, den wegen einer Gerölllawine verschütteten Keller des «Convento» freizulegen. Viele von ihnen legten mehr als einmal Hand an. Die meisten stammen aus der Region – genauso wie die Eigentümer.
Dania Rezzoli und Martin Lippuner leben im Ruppendörfli und haben es sich zur Aufgabe gemacht, das Mehrgenerationenprojekt zu vollenden. Denn die in den letzten drei Jahren erfolgte Arbeit ist «nur» das Tüpfelchen auf dem i.
«Die wahren Pioniere sind jene vor unserer Generation. Vor allem mein Grossvater, der die Ruine zu einem erhaltenswerten Haus wiederaufgebaut hat. Ohne ihn hätten wir nie angefangen», sagt Dania Rezzoli. Im Haus gab es damals keinen Strom, kein Wasser, durch das kaputte Dach regnete es herein. Rezzolis Vater und ihre Onkel halfen mehrere Ferien lang, um das Haus wieder bewohnbar zu machen. Ein Onkel machte sich dann ein Hobby daraus, immer wieder ganz allein schaufeln zu gehen, bis sich im Haus ein statisches Problem anzubahnen drohte.
Doch die Arbeit der Wegbereiter für die Kellerräumung hatte einen unschätzbaren Wert. Die nächste Generation, Dania Rezzoli und Martin Lippuner, musste das Haus dann zuerst statisch auf Vordermann bringen. Sie arbeiteten mit vielen Spezialisten zusammen, die einen hervorragenden Job geleistet haben, so Rezzoli. Daran beteiligt waren ein Architekt, ein Statiker und ein Physiker. Eine Baufirma lieh den beiden vieles aus, die Denkmalpflege beriet sie mit viel Herzblut, und der Archäologische Dienst kam immer wieder für Sondierungen vorbei.
Dann begann die Räumung des Kellers. Mit einem grossen, stets wechselnden Team durften Rezzoli und Lippuner ein Projekt zu Ende bringen, das schon vor Generationen begonnen hatte. 30 Helferinnen und Helfer, die meisten aus dem Rheintal, beteiligten sich an den freigegebenen Arbeitspaketen. Und obwohl diese anstrengend waren, bereiteten sie den Freiwilligen auch Freude. So gestaltete sich die Freilegung des Kellers sehr spannend, wie in diesem Erlebnisbericht darüber zu lesen ist. (rez)
Beim Graben ist Vorsicht geboten. Es gilt, Fundgegenstände in eine Gelte zu legen. Später kommt die Archäologin, um sie zu inspizieren und daraus Schlüsse zu ziehen. Noch weiss niemand genau, wie alt der Convento ist. Teile des untersten Stocks gehen auf das Hochmittelalter zurück, hat eine Expertin gesagt, das war zwischen 1050 und 1250. Der Bündner Staatsarchivar Fritz Jecklin datierte die Keimzelle des Convento mindestens auf das Jahr 1116. In dem Jahr verfasste Papst Paschalis II. eine Urkunde, mit der er die Gaudenzius-Wallfahrtskirche mitsamt dem dazugehörigen Hospiz unter seinen Schutz nahm. Dieses Hospiz, das ist offenbar der Convento.
Die Rheintalerinnen und Rheintaler sind seit Jahrhunderten die ersten, die in diese Tiefe des Gebäudes vordringen. Von ihnen hat niemand genaue Kenntnisse der Archäologie und der Bündner Frühgeschichte*. Umso blumiger sind die Spekulationen zu entdeckten Dingen. Der Convento hat vier Stöcke, davon waren die unteren zwei verschüttet. Im untersten Stock liegt eine Halle, die vor zwei Jahren noch wie eine Höhle wirkte. Von ihr aus führen Türen in zwei Räume. In die Portale sind gegabelte Kreuze eingeritzt, die in Graubünden etwa im 13. Jahrhundert üblich waren. Gemäss Experten wurden solche Kreuze im Mittelalter nur an der Aussenseite von Gebäuden angebracht. Die beiden Räume waren also vor der Halle da.
In dieser gibt es grosse Steinbrocken, die nur mit dem Bohrhammer wegzuspitzen sind. Die Aufregung ist gross; unter der Treppe in den untersten Stock zeigt sich der Eingang zu einem weiteren Raum. Ist das der Eingang eines geheimen Tunnels? Oder das Treppenhaus in ein tieferes Stockwerk? «Dann gründen wir eine Selbsthilfegruppe!», sagen die Rheintaler. Im Raum kann man nicht aufrecht stehen, die Arbeit ist noch mühseliger. Es entsteht der Name «Gollum-Loch». In diesem liegen zwei grosse, geriffelte Tierhörner. Wie gewöhnliche Kuhhörner sehen sie nicht aus. Aber es gibt keinen Tunnel und auch kein weiteres Stockwerk.
Im Spätmittelalter hatte der Convento eine Bedeutung, die über die Region herausragte. Das verdankte er der Lage in Casaccia, am Fuss zweier Alpenpässe: dem Maloja und dem Septimer. Sie verbanden Italien mit «Deutschland», womit alle Länder deutscher Sprache bezeichnet wurden; einer über den Inn nach Baiern, der andere über den Rhein ins Bodenseegebiet. Vor dem strengen Aufstieg legten Reisende und Säumer eine Rast ein, stärkten sich mit einer deftigen Mahlzeit und wechselten ihre Reittiere. Dafür war der Convento da: ein Hospiz als Teil einer langen Kette von Gasthäusern, das nächste auf der Septimer-Passhöhe.
Im hintersten Raum dauert das Schaufeln gefühlt ewig. Er ist ein langes Gewölbe, bis 30 cm unter der Decke «mit Lehmmaterial bis fast zum Gewölbescheitel gefüllt, so dass ein Mann nur in liegender Stellung zwischen Material und Gewölbe Platz finden würde. Diese Masse ist so verhärtet, dass sie mit dem Pickel schwer abzugraben ist», schrieb Peter Dalbert, Ingenieur aus Borgonovo, im Jahr 1933. Vor zwei Jahren stiess die Gruppe hier auf eine Tischplatte. Sie musste die Grabung einstellen, bis die Archäologinnen eintrafen. Und dann gab es eine Bank, von der ein besonders motivierter Graber per Spitzbohrer ein Stück abschabte, weil sie nicht vom Geröll unterscheidbar war. Nach der Räumung wirkt der Raum wie eine Kapelle, mit Bänken an der Seite und einem Altar in der Mitte.
«Convento» bedeutet Kloster, und tatsächlich hatte er religiöse Bedeutung. In Casaccia entstand 998 die Wallfahrtskirche San Gaudenzio. Pilger aus Italien und Süddeutschland kamen hierher und übernachteten im Hospiz. Manche Quellen sprechen von Nonnen, die im Convento lebten. Im Dorf gibt es die Legende, die Nonnen hätten einen geheimen Tunnel gegraben, aus dem Keller des Conventos zur Turraccia. Das ist die Burg, etwa 100 Meter Luftlinie entfernt. Den dortigen Rittern hätten die Nonnen heimliche Besuche abgestattet. Anderen Quellen zufolge lag «die Betreuung in den Händen eines Mönches, eines Messners und eines Verwalters». Der Convento war das wirtschaftliche Herz des oberen Bergells, sehr wohlhabend mit Landbesitz im ganzen Tal. Davon zeugt die noch heute erhaltene Suste, ein Güterumschlagplatz mit Lagerraum.
Der Zugang zum Tunnel wird im langen, kapellhaften Raum ganz zuhinterst erwartet. An beiden Enden gibt es verschüttete Öffnungen, wobei nicht klar ist, ob es Fenster oder Türen sind. Das Rätsel motiviert beim Graben, doch die Gruppe hofft, dass der Tunnel nicht existiert, das würde viele Extraschichten bedeuten. Sie ist erleichtert, nur Fenster zu finden, die sich um zwei Stöcke unter der Erde befinden. Es ist kaum vorstellbar, dass sie einst ins Freie gingen.
Dies liegt daran, dass Casaccia im Lauf der Jahrhunderte von Gerölllawinen getroffen war. Anfang 16. Jahrhundert beschloss man deshalb, die Wallfahrtskirche mitsamt Hospiz an eine geschützte Stelle ausserhalb des Ortes zu verlegen. 1518 wurde die neue und prächtigere Gaudenzkirche eingeweiht. Die Blütezeit war kurz. Es folgte die Reformation und mit ihr der Bildersturm. Ein Chronist empörte sich Jahrhunderte später: «1551 wurde sodann der längst gehegte Plan ausgeführt. Der ehemalige Bischof Bergerio, der als protestantischer Prediger im Bergell tätig war, entweihte und verwüstete in gottloser Weise die sehr besuchte Wallfahrtskirche des hl. Gaudentius. Jetzt ist sie eine Ruine.»
Auch der Convento blieb nicht schadlos. Die Bilderstürmer zerkratzten die religiösen Fresken an der Fassade, die Jahrzehnte zuvor ein italienischer Maler angebracht hatte. Die Kratzspuren in den Gesichtern der Heiligen Mutter Gottes und des heiligen Jodokus sehen aus, als wären sie gestern von betrunkenen Vandalen angebracht worden. Die Ländereien des Hospizes wurden 1556 unter den Bergeller Dörfern aufgeteilt, das Gebäude ging in bäuerlichen Besitz über.
Rüfen sind nicht nur im Convento ein Problem, sondern in ganz Casaccia. 1573, 1673, 1740, 1834: Oft zogen die Schlammassen vom steilen Piz dal Sasc oder vom Fluss Orlegna durch das Dorf. Besonders zerstörerisch war die Rüfe von 1740, die die Dorfkirche vernichtete – diese wurde kurz darauf neu gebaut. Der Pfarrer und Chronist Nicolin Sererhard beschrieb ‹Casatschia› damals so: «Die Häusser dieses Dorfs ligen beynachem alle bis an die Hälfte vergraben in Leim und Steinen, mit welchen sie vor Jahren ein vom Berg herunter gerissene Rüfi überschwemmt hat.» Der Schutt im Convento stammt wohl von ihr. Ingenieur Dalbert kam 1933 zum Schluss: «Die Rüfe nahm ihren geraden Weg gegen die Kirche und den westlichen Dorfteil zu, nur der Schlamm konnte nach Passierung des Hügels links gegen das Hospiz abgestossen werden. Dies erklärt, warum man im ersten Stockwerk nur Schlamm, keine Steine oder Bollen vorfindet.»
Am meisten Schlamm lag im Keller. Zu Beginn der Graberei war er fast ganz verschüttet, nur ein enger Tunnel führte durch, dann konnte man plötzlich darin stehen. Eine Baufirma besserte die Löcher am Deckengewölbe aus. Beim Weitergraben kam ein Portal zum Vorschein, wohl einst der Haupteingang, heute weit unter der Erde. Kürzlich stellte sich heraus, dass der eigentliche Boden der Halle nochmals einen halben Meter tiefer liegt. Das heisst: weiterspitzen, weitergraben. Vier Tage sind nötig, um das «neue» Bodenniveau zu erreichen.
Der verschüttete Keller wurde genutzt. Ein Nachbargebäude hatte lange «Käselagerrechte» im Convento. Später begannen Historiker, sich für den Keller zu interessieren. In einer mindestens 200-jährigen Chronik steht: «Hr. Pfarrer Semadeni in Bondo hat neuestens in Casaccia ein halb in Sand vergrabenes Haus entdeckt, das den Namen ‹Jl Convento› trägt, wahrscheinlich aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts stammt und aussen Malereien (Heilige darstellend) zeigt.» Ingenieur Dalbert schlug 1933 der Historisch-Antiquarischen Gesellschaft Graubündens vor, die Stockwerke zu räumen, «um vielleicht durch allfällige Funde mehr Licht über die Geschichte der ersten San-Gaudentius-Kirche und ihres Hospizes zu bekommen. Der Eigentümer des Hauses hätte nichts dagegen, und die Arbeit würden die fleissigen Männer von Casaccia im Herbst z.B. billig besorgen.»
Fast hundert Jahre später heissen diese Eigentümer Dania Rezzoli und Martin Lippuner. Sie haben es vollbracht: Seit dem 24. Mai, 15 Uhr, ist der Keller erstmals seit 1740 leer. Die fleissigen Frauen und Männer kamen nicht aus Casaccia, sondern aus dem Rheintal und anderen Orten. An vielen Wochenenden der letzten Jahre und zuletzt drei Wochen am Stück arbeiteten sie. Allein in den drei Wochen haben sie 160 Dumper-Ladungen Schutt heraus geholt, in Kübeln, Garetten, dann mit Förderband und Dumper. Casaccias Bevölkerung begleitete sie mit Wohlwollen, Neugier und Tipps. Dann schüttelten die Rheintalerinnen und Rheintaler nach der letzten Schaufel Schutt den Staub aus der Arbeitskleidung, duschten, zogen sich schön an. Sie fuhren über den nahen Grenzübergang Castasegna ins italienische Chiavenna, um zu feiern.
«De Käär isch läär!»
Der Convento kann am 27. und 28. Juni anlässlich des Events Open Doors Engadin besichtigt werden. Infos unter opendoors-engadin.org/orte/casa-cunvent-casaccia/
*Darum erhebt dieser Text (auch erschienen auf passportparty.ch) keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es stehen weitere archäologische Untersuchungen an.
Gemeinsam 160 Dumper-Ladungen Schutt aus einem Keller geholt