In der ersten Viertelstunde traut man seinen Augen nicht: Das abstiegsgefährdete Gastteam bestimmt das Geschehen klar, spielt zielstrebig, kombiniert sicher und geht schon nach vier Minuten durch ein wunderbares Tor in Führung. Captain Mario Zivic trifft mit einem präzisen Freistoss von der Strafraumgrenze in den Winkel. Au-Berneck stürmt weiter, Rüthi findet nicht statt.
Rüthi ohne Hast
Allmählich aber verebbt der Sturm. Der FC Rüthi findet den Tritt. Aber er verfällt nicht in Hast und Eile, sondern sucht einfach seinen Stil. Verteidiger Argurian Bojaxhi beruhigt mit sicheren Zuspielen, Gabriel Lüchinger hilft hinten und vorne und ist stets anspielbar, und Captain Sven Städler setzt seinen Körper in den Zweikämpfen geschickt ein. Nun ist auch Rüthi in diesem Spiel angekommen.
Dann geht es schnell. In der 27. Minute gleicht Flamur Bojaxhi aus, und zehn Minuten später heisst es nach zwei Toren von Kevin Streule bereits 3:1. In der zweiten Halbzeit bringt eine perfekte Folge von mehreren Flachpässen das 4:1 durch Flamur Bojaxhi, und Robin Sonderegger trifft zum 5:1, bevor Orhan Ademi in den Schlussminuten den letzten Treffer erzielt.
«Der FC Au-Berneck ist mein Verein»
Torhüter Joel Eugster, 23-jährig, ist anfangs 2025 vom FC Au-Berneck 05 zum FC Rüthi gekommen. Der Entscheid war ihm damals nicht leichtgefallen. «Der FC Au-Berneck ist mein Verein, da bin ich daheim. Viele aus unserer Familie sind oder waren dort engagiert. Ich habe als Kleiner in diesem FC angefangen.» Und er hat es bis ins Tor der ersten Mannschaft geschafft. Aber als Au in der Winterpause anfangs 2025 mit Marc-André Bursac eine neue Nummer eins im Tor verpflichtet, sieht er seine Zukunft nicht mehr zwischen den Pfosten, sondern auf der Auswechselbank. «Ich musste handeln. Es fiel mir schwer.»
Die Auer Spuren gehören immer noch zu Joel Eugster. Sein Vater Thomas führt auf der Tägeren bei «Eins»-Spielen jeweils die Festwirtschaft. Und in diesem Spiel ist auf der Gegenseite sein Bruder Andrin als Innenverteidiger im Einsatz.
Es ist das erste Mal, dass wir uns in einem Ernstkampf einander gegenüberstehen. Im Hinspiel in Au war Andrin gesperrt.
Nach dem Spiel kommt Au-Trainer Daniele Polverino bei Joel vorbei und gratuliert. Die freundliche Geste mit dem kurzen Schulterklopfen sagt alles.
Kein Torhütertrainer
Zurück an den Anfang des Nachmittags. Joris Hallauer, der Ersatztorhüter, und Joel Eugster bereiten sich auf den Einsatz vor. Die beiden verstehen sich wortlos. Sie machen das Programm, wie man es in ähnlicher Weise überall sieht. Joris schiesst oder wirft und Joel fängt. Wenn eine Abwehr besonders gut gelingt, spendet der Ersatzgoalie Applaus.
Unter der Woche trainieren die Torhüter in Rüthi ohne Trainer: «Wir haben keinen Torhütertrainer», sagt Joel,
wir sind in der Regel eine Dreiergruppe, beschäftigen uns gegenseitig und spornen uns an.
Und wenn für Joel kein Fussball auf dem Programm steht, studiert er in Chur Sportmanagement. Der Bachelor ist sein Ziel. Neben dem Studium arbeitet er zu 40 Prozent bei der Firma Köppel AG in Au auf dem Büro.
Sechs – einmal positiv, einmal negativ
In dieser Saison hat Eugster in sechs Spielen kein Tor zugelassen, sechsmal zu null. Natürlich, das ist auch ein Verdienst des ganzen Teams, das die Abwehraufgaben ernst nimmt. Aber einmal war es nicht so. Nach drei Runden und drei Siegen verlor der Aufsteiger beim FC Schaan gleich 0:6. Katastrophal. «Wir waren im Hoch, in der Aufstiegseuphorie. Rückblickend ist klar: Diese Niederlage hat uns wieder auf den Boden gebracht.»
Der frühe Rückstand im Spiel gegen Au-Berneck beunruhigte Rüthi-Trainer Granit Bojaxhi nicht:
Ich wusste, dass unsere Zeit kommt. Wir haben verdient gewonnen.» Zu seinem Torhüter sagt er: «Joel ist ein flotter Typ mit guten Anlagen, aber er muss weiter an sich arbeiten. Mit der Prise Spass, die zu ihm gehört, tut er der Mannschaft gut.
Aber die Mannschaft tut auch dem Neuen gut. «Der Teamgeist ist grossartig», sagt Joel, «ich wurde sehr gut aufgenommen. Alle im Verein leben hier wie in einer grossen Familie. Die Merkmale von einem Topverein, wie ich sie in meinem Stammverein erlebt habe, finde ich alle auch hier.» Der Goalie ist neu auch ein Rüthner.
Jetzt ist der Goalie auch ein Rüthner