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Kräutertee statt Abenteuer: Wie sich Vorlieben mit dem Alter verändern und neue Ängste dazukommen

Mein Verlobter liest regelmässig meine Kolumnen. Jedes Mal schüttelt er anschliessend den Kopf, sieht mich an und sagt: «Die Leute wissen viel zu viel über uns und unser Leben.» Zur Abwechslung schreibe ich deshalb über etwas, das mir kürzlich aufgefallen ist, ganz allein, ohne Verlobten und ohne Dackel.

Von Julia Benz
aktualisiert vor 1 Stunde

Ich werde älter. Das ist offensichtlich, aber ich merke das vor allem daran, was ich sage und wie ich mich verhalte. Nicht nur, dass Gartenarbeit und Stricken seit einiger Zeit zu meinen liebsten Hobbys gehören, ich habe auch das Abenteuer aufgegeben. Früher habe ich überall übernachtet, Hauptsache, es war aufregend. So habe ich etwa nach dem Abitur in Nepal ein halbes Jahr auf Stroh geschlafen, ohne Zugang zu fliessendem Wasser, dafür mit einer Menge Krabbeltieren.

Heute verbringe ich freie Tage gerne in einem Spa, in einer Hand einen frisch aufgebrühten Kräutertee, in der anderen Hand eine Schale mit Obst, während ich in einem ultraflauschigen Bademantel auf einem Liegesofa die Nachwirkungen der Sauna geniesse. Beim anschliessenden Abendessen erkundige ich mich im Restaurant nach dem Weingut des Weines, den ich zuvor als vollmundig bezeichnet habe, weil es mich wirklich interessiert. Mit diesen Auswirkungen des Älterwerdens kann ich leben, man wird eben etwas bequemer. 

Kürzlich bemerkte ich allerdings mit Schrecken, dass mir der Verkehr zu schaffen macht. Wenn ich in die «Stadt» muss, werde ich nervös. Dabei hat mir das nie Mühe gemacht. Weil ich nicht in 20 Jahren den linken Fahrstreifen auf der Autobahn mit 30 km/h blockieren möchte, habe ich mir selbst eine Schocktherapie verordnet. Ab sofort fahre ich nur zum Vergnügen mitten durch Zürich. Und vielleicht tausche ich das Hotelbett mal wieder gegen eine Nacht im Zelt aus.