Immer samstags vor 1 Stunde

Michael Jäger: Der Rheintaler und sein Verhältnis zu Wasser

In einem Flusstal ist Wasser landschaftsprägend und lebensbestimmend. Und das durch die Jahrhunderte hindurch. In unserer Kolumne «Immer samstags» ist der Diepoldsauer der Meinung, dass es sich lohnt, in die Vergangenheit zu schauen, um die emotionalen Diskussionen zur Rheinkorrektur «Rhesi» besser zu verstehen.

Von Michael Jäger
aktualisiert vor 1 Stunde

Wer heute von oben auf das Rheintal schaut, sieht eine dicht besiedelte Landschaft und, abgesehen von einem breiten Streifen landwirtschaftlicher Bewirtschaftung, einen Ballungsraum. Das war nicht immer so. Vor der Rheinkorrektur im ausgehenden 19. Jahrhundert siedelten die Menschen an den Hängen und auf einzelnen kleinen Inselchen in der Ebene. Weil sie eben genau das von Zeit zu Zeit waren: Inselchen. Der Alpenrhein überflutete die Ebene immer wieder und brachte Geschiebe mit sich. Das Tal war ein lebensfeindlicher Raum und zwang die Menschen dazu, an seinen Rändern zu siedeln. Wasser war gefährlich. Und ist es natürlich noch immer.  

Würden wir eine Bäuerin, die vor zweihundert Jahren hier gelebt hat, fragen, was sie von einer Ausweitung des Rheins halten würde, der jetzt endlich in einem Korsett aus Dämmen gefangen ist, sie würde vermutlich zetern und uns für schlichtweg bekloppt halten. Schon zu ihrer Zeit gab es Dämme, genauer Wuhren, die das Hochwasser lokal am Übertritt in eine Geländekammer hinderte und Geschiebe auffing. Und diese Dämme haben viel Kraft und Anstrengung gefordert, wer würde sie abreissen wollen?  

Das Bild wäre ähnlich, fragten wir einen der Tagelöhner, die ab 1895 in einer gewaltigen Anstrengung binnen fünf Jahren nicht einfach den Rhein selbst eingesperrt, sondern mit den Binnenkanälen auch Vorsorge getroffen hatten, die Bachzuflüsse abzufedern. Ein für die damalige Zeit geradezu monströses Unterfangen, das nicht zuletzt von der totalen Überschwemmung vom 28. September 1868 motiviert war. Die Rheinkorrektur wurde zur Jahrhundertwende abgeschlossen und der Durchstich bei Diepoldsau erfolgte 1923. Und seither ist Ruhe.  

Möchte man meinen. So ist es aber natürlich nicht. Der Alpenrhein hat in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach gezeigt, dass er über die Urgewalt verfügt, auch das heutige, erzwungene Bett zu verlassen. Ich erinnere mich an kritische Situationen, an Feuerwehrleute, deren Sandsäcke an den Aussendämmen vom Wasser weggeschwemmt wurden. Wir leben nicht in einem Gebiet, das vor Hochwasser sicher wäre. Und da sprechen wir jetzt nicht von den immer wieder gefluteten Kellern am Widnauer Binnenkanal, sondern von einem gewaltigen, zerstörerischen und Menschenleben gefährdenden Jahrhunderthochwasser mit Multi-Millionenschäden, vor dem der heutige Hochwasserschutz uns den Experten zufolge nicht bewahren kann. Soweit so gut, die Lösung ist klar. Doch so einfach ist es nicht.  

Unser Verhältnis zum Wasser endet nicht damit, dass der Rhein eingezwängt wurde, sondern beginnt erst mit der Ebene, die dadurch für die Landwirtschaft interessant und durch eine erneute Jahrhundertanstrengung, die Melioration, urbar gemacht wurde. Die lebensfeindliche Ebene wurde zu einem Garten Eden für Gemüse und in kleinerem Masstab auch die Milchwirtschaft. Und hier und jetzt beginnen die Ansprüche auf Sicherheit vor Hochwasser und Besitzstandswahrung zu kollidieren. Rhesi bedeutet den Verlust von Kulturland, unbestritten. Die Rheinwiesen zwischen den Dämmen verschwinden. Und damit nicht genug, müssen Brunnen verlegt werden.  

Wasser ist im Rheintal Emotion. Jede Diskussion rund um das Wasser ist über die Erfahrungen von Generationen hinweg mit Gefühlen aufgeladen worden.

 Im Spiegel der Geschichte kann man das verstehen und genau so sollte man damit auch umgehen: Mit Fingerspitzengefühl und auf Augenhöhe. Mein persönlicher Eindruck ist jedoch, dass wir die Rhesi-Diskussion wie jedes beliebige lokale oder nationale Thema zu einem unversöhnlichen Grabenkampf verkommen lassen, in dem beide Seiten ohne Nachsicht und Verständnis auf den eigenen Positionen verharren. Da werden Fachleute zu „sogenannten Experten“, um deren Einschätzung zu desavouieren. Und andersherum verunglimpft man Bauern als selbstsüchtig. Nehmen wir uns in dieser Auseinandersetzung gegenseitig ernst. Denn es geht um uns Rheintaler und unser Verhältnis zum Wasser. 

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