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Hitparade • 18.09.2026

Mit der Chilbibahn an die Spitze der Schweizer Albumcharts: Shem Thomas hebt ab

Der Sänger Shem Thomas ist ganz oben angelangt: Die neuste Veröffentlichung des gebürtigen Diepoldsauers stand Ende August an der Spitze der Schweizer Albumcharts. Was bedeutet das für ihn und seine Karriere?

Von Andreas Rüdisüli
aktualisiert am 21.09.2026

Sein neues Album heisst einfach «be.». Shem Thomas, so der Eindruck, ist keiner, der es gern künstlich kompliziert hat. Er mag den Wald, die Natur und die Auseinandersetzung mit sich selbst, die dort möglich wird. Eben: be. Sei.

Diese Schlichtheit im besten Sinn hört man seinem Album an. Die zwölf Songs sind eingängig, folgen dem Strophe-Refrain-Konzept und drehen trotzdem nie ins Banale. Pop und Folk bilden seit Jahren die Grundlage, doch da ist weit mehr: Reggae auf jeden Fall, etwas Hip-Hop, früher auch Elektro-Einflüsse.

Bei aller musikalischen Offenheit: Der emotionale Anker des Hitalbums ist Thomas’ Stimme; sie trägt die Produktion. Unaufdringlich eindringlich. Etwas rau manchmal, aber nicht heiser, schon gar nie schmachtend. Wenn der Rheintaler dann auf «Chilbibahn» auch noch erstmals im Tipilzouer Dialekt singt und Ausdrücke wie «Brodwoarscht eassa» oder «Herrgotzack» in die Schweiz hinausträgt, wird aus Mundart ein Bekenntnis.

Ohne Plattenvertrag, aber mit treuen Fans

Bekannt geworden ist der gebürtige Diepoldsauer Thomas Kühnis 2014 als Star der Castingshow «Voice of Switzerland», die er auf Platz zwei beendete. Lohn seiner TV-Popularität war im selben Jahr der Nummer-eins-Song «Crossroads». In den Jahren, die folgten, wandelte sich der Rheintaler vom Castingshow-Produkt zum unabhängigen Singer-Songwriter ohne Plattenvertrag. Sein Publikum blieb ihm treu, die Konzerte sind meist ausverkauft, Shem Thomas’ Alben erreichten die Plätze zwei und fünf in den Schweizer Albumcharts. Und jetzt das: Hitparadenplatz Eins am 30. August dieses Jahres.

Mit der Chilbibahn an die Spitze der Schweizer Albumcharts: Shem Thomas hebt ab

Im Interview spricht der Rheintaler über das schöne Gefühl, etwas erreicht zu haben, was nicht vielen Schweizer Künstlern gelungen ist: in beiden Kategorien die Charts angeführt zu haben. Dass seine Community entscheidend zum Erfolg beigetragen hat, daran lässt er keinen Zweifel. Noch vor der Veröffentlichung von «be.» hatten CDs nachproduziert werden müssen, so gross war die Nachfrage. Shem Thomas sieht das als «einen Liebesbeweis» seiner Anhängerschaft: «In diese Verbindung habe ich viel investiert, und bei dieser Nummer 1 war sie entscheidend.»


Vor zwölf Jahren stand Ihre Single «Crossroads» auf Platz 1 der Schweizer Singlecharts. Ende August erreichte «be.» die Spitze der Albumcharts. Schliesst sich ein Kreis?
Shem Thomas: Ja, wenn auch mit einem grossen Unterschied. 2014 erreichte ich mit «Crossroads» Platz 1 der Singlecharts, damals mit einem Major-Label im Rücken und mit einem Song, den ich nicht komplett selbst geschrieben hatte. Zwölf Jahre später stehe ich nun mit einem Album auf Platz 1, das mein bis anhin persönlichstes ist und in Eigenregie entstanden ist – ohne externes Label, Management oder Agentur, dafür getragen von einer Community, die gewachsen ist. Das macht mich stolz.

Sie stufen diese Nummer 1 also höher ein als jene von 2014?Faktisch nein, für mich persönlich definitiv. «Crossroads» auf Platz 1 war ein Riesenerfolg und hat mir viele Türen geöffnet. Aber diese Nummer 1 bedeutet mir persönlich noch einmal etwas anderes. Wenn man über Jahre so hart für etwas arbeitet, das aus einem selbst kommt, einen Traum im Herzen trägt und unglaublich viel Leidenschaft, Fleiss, Disziplin und Liebe hineinsteckt, dann fühlt es sich schon besonders an.

Bei den Albumcharts zählen zwar auch Downloads und Streams, die physischen Verkäufe von Tonträgern sind aber oft entscheidend. Konnten Sie sich hier auf Ihre treue Fanbase verlassen?
Absolut. Ohne meine Community wäre diese Nummer 1 nicht entstanden. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der man in den CD-Laden ging, sich ein Album kaufte und es dann von Anfang bis Ende hörte. Natürlich haben sich die Zeiten verändert, und mir ist bewusst, dass heute viele keinen CD- oder Plattenspieler mehr besitzen. Aber es ist ein kleiner Liebesbeweis, dass so viele Menschen meiner Musik einen echten Wert geben und bereit sind, dafür etwas zu bezahlen.

Pop und Folk sind die Basis für Shem Thomas' Musik, Reggae- oder Hip-Hop-Einflüsse sind aber in fast allen Songs herauszuhören.
Pop und Folk sind die Basis für Shem Thomas' Musik, Reggae- oder Hip-Hop-Einflüsse sind aber in fast allen Songs herauszuhören.
Bild: Denise Stadelmann

Ihre Konzerte sind regelmässig ausverkauft. Was ist Ihr Live-Geheimnis? 
Ein Geheimnis gibt es nicht. Ich versuche einfach, auf der Bühne authentisch zu sein. Gerade in einer Zeit, in der immer mehr künstlich erzeugt werden kann, habe ich das Gefühl, dass die Sehnsucht nach echten, unmittelbaren Momenten wieder grösser wird. Ich erzähle viel, nehme die Leute mit in die Geschichten hinter den Songs; diese Nähe zum Publikum ist mir wichtig.

Werden grössere Bühnen ein Thema?
Da ich mein Booking selber mache, kann ich auswählen, wo ich spiele. Ich schaue genau, ob eine Location zu meiner Musik und zu der Art passt, wie ich Konzerte mache. Grössere Bühnen reizen mich natürlich, vor allem mit einer Band. Aber ich möchte nicht einfach grösser werden, nur damit es grösser ist. Ein intimes Konzert vor 200 Leuten kann genauso magisch sein wie eine grosse Festivalbühne. Ich möchte mir diese beiden Welten erhalten.

Es scheint, als hätten Sie sich mit dem neuen Album wieder dem folkigen Pop Ihrer Anfangszeit angenähert. Einverstanden?
Ja, es kann gut sein, dass es wieder etwas stärker in Richtung Singer-Songwriter und Folk geht. Meine Musik war aber schon immer von verschiedenen Stilen geprägt – Pop, Singer-Songwriter, Folk, Reggae und anderen Einflüssen. Das passt zur Botschaft von «be.». «Be.» bedeutet für mich, mit allem da sein zu dürfen, auch mit dem Unfertigen und Unperfekten, und nicht ständig danach zu streben, etwas Bestimmtes sein oder erreichen zu müssen. Diese Freiheit wollte ich mir auch musikalisch geben. Wenn sich ein Song richtig angefühlt hat, durfte er aufs Album, unabhängig davon, in welche Schublade er gehört. Und offenbar kann man damit sogar eine Nummer 1 erreichen. (lacht)
Erstmals singen Sie Dialekt: «Chilbibahn» ist in Tipilzouerisch getextet. Wie tönt das live in Basel oder Luzern?
Wahrscheinlich nicht ganz so wie im Rheintal! Aber genau das macht es lustig. Ich bin mit meinen Konzerten in der ganzen Schweiz unterwegs und merke immer wieder, dass die Leute meinen breiten Tipilzouer Dialekt lieben – auch wenn ich während einer Show gefühlt jedes zehnte Wort übersetzen muss.

Ist der Song eher als Gag gedacht, oder können Sie sich vorstellen, öfter in der Sprache Ihrer Heimat zu singen?
Das habe ich mir noch nicht so genau überlegt; ich lasse es offen. Ich wusste einfach, dass ich einmal einen Song in meinem Dialekt veröffentlichen möchte. In den letzten Jahren habe ich live immer wieder eigene Mundartsongs gespielt, aber die gab es bisher nur an den Konzerten.
Apropos Heimat: Sie treten kaum im Rheintal auf. Woran liegt’s?
Das hat keinen bestimmten Grund. Meine Konzerte haben sich über die Jahre einfach auf verschiedene Regionen verteilt. Seit «The Voice» bin ich in der ganzen Schweiz unterwegs und schaue darauf, dass die Konzerte regional nicht zu nahe aufeinander liegen. Bis Ende dieses Jahres bin ich ausgebucht, aber für nächstes Jahr ist wieder ein Konzert in der Ostschweiz in Planung, und eine Option steht.
Wo leben Sie heute?
Ich lebe am Vierwaldstättersee und konnte mir dort den Traum vom eigenen Haus erfüllen.
Also nicht mehr mit dem Bus im Wald wie früher mal?
Einen Bus habe ich wieder, aber gelebt wird heute im Haus.
Ihr Album stand an der Chartspitze, Ihre Lieder werden millionenfach gestreamt. Leben Sie von Ihrer Musik?
Ja, seit «The Voice of Switzerland» und «Crossroads» 2014 kann ich von meiner Musik leben. Das ist für mich bis heute ein Traum und nicht selbstverständlich. Ich habe hart dafür gearbeitet, meinen Weg zu finden und ihn dann auch konsequent zu gehen. Es war nicht immer einfach, aber es hat sich gelohnt.

Anspieltipps der Redaktion: Coastline, Chilbibahn, Hoodie Luna. Mehr Infos auf shemthomas.com