Anita Klaiber vom Veloclub Altstätten bestritt in diesem Jahr zwei Granfondo-Rennen des Weltsportverbands UCI. Beide gewann sie und qualifizierte sich so für die Weltmeisterschaften in Niseko, auf der nordjapanischen Insel Hokkaido, in der Kategorie «Mediofondo», wie die Kategorie der Altersklassen über 50 heisst. Aber nur für ein Rennen fliegt Anita Klaiber nicht in das Land der aufgehenden Sonne: Nach dem Gewinn der WM-Medaille unternimmt die Altstätterin zurzeit eine Bikepacking-Tour rund um die zweitgrösste Präfektur Japans. Ihre Rückkehr in die Schweiz ist erst am 17. September geplant.
Rasch mit dem Zweirad-Virus infiziert
Anita Klaiber kam durch ihre Tochter zum Radsport: Giara Klaiber gehörte vor knapp zehn Jahren zum Schweizer U17-Nationalkader. Die Mama war als Betreuerin gefragt und wurde schnell vom Zweirad-Virus erfasst. Sie begann, Mountainbikerennen zu bestreiten, vor allem die Marathons entsprachen und entsprechen ihrem Geschmack. Seit Anita Klaiber vor zweieinhalb Jahren ihr erstes Granfondo-Rennen bestritt und gleich Zweite wurde, feiert sie als Strassenfahrerin grosse Erfolge.
An ihrer ersten Weltmeisterschaft vor zwei Jahren eroberte Anita Klaiber auf Anhieb das Regenbogentrikot, das Weltmeisterinnen und Weltmeister in jeder UCI-Kategorie erhalten. Die flache Strecke in Dänemark entsprach eher ihrem Profil als der bergige Kurs in Japan, wo auf nur 80 Kilometer über 1500 Höhenmeter zu bewältigen waren. «Ich mag’s länger und flacher», sagt die Altstätterin. Das Stehvermögen ist eine Trumpfkarte von Klaiber: «Im Flachen und im Sprint bin ich sehr gut», sagt sie, «am Berg bin ich immer noch gut.» Aber den besten Kletterinnen, die leichter und kleiner sind als Anita Klaiber, kann sie nicht immer folgen.
«Ich presste jedes verbliebene Körnchen raus»
So war das auch an den Weltmeisterschaften, als Klaiber beim 800-Höhenmeter-Anstieg abreissen lassen musste. In der Abfahrt schloss sie aber wieder zur Kanadierin Jorja French auf, mit der sie um den zweiten Platz kämpfte, während an der Spitze die Japanerin Yoko Nakamura zur Goldmedaille fuhr. «Es war ein sehr intensives Duell», sagt Klaiber. Sie wusste, dass sie im Sprint tendenziell Vorteile hatte. «Auf den letzten 300 Metern ging’s nochmals aufwärts, ich presste jedes verbliebene Körnchen raus, um vor der Kanadierin über die Ziellinie zu fahren.»
Die Stärken und Schwächen der meisten Konkurrentinnen sind Klaiber bekannt. Man trifft sich auch an anderen Rennen, aber taktische Spielräume gibt’s kaum. «Weil alle Altersklassen gemeinsam starten, habe ich selten den Überblick, wo ich mich im Rennen gerade befinde.» Auch an der WM erfuhr Klaiber erst nach der Zieldurchfahrt, dass sie Silber gewann: «Ich war aber sicher, dass mir ein gutes Rennen geglückt war.» Swiss Cycling stattet seine Fahrerinnen und Fahrer an der Altersklassen-WM mit Trikots aus, die Reise und alles Weitere müssen die Teilnehmenden selbst organisieren und finanzieren. Es gibt auch keine Betreuung, und das Rennen kommt ohne offiziellen Materialwagen aus. Das bedeutet für Anita Klaiber: «Hätte ich einen Platten gehabt, hätte ich das Rennen beenden müssen.» Umso wichtiger ist es, immer präzis zu fahren und das Risiko zu minimieren.
Das Hobby darf kein Müssen werden
Seit ihrem Granfondo-Debüt verfolgt Anita Klaiber einen festen Trainingsplan: «Zweimal Intervall und dreimal Grundlage, am Wochenende unternehme ich jeweils die langen Touren», sagt sie. In diesem Jahr hat Anita Klaiber schon mehr als 10 000 Kilometer zurückgelegt und dabei annähernd 170 000 Höhenmeter bewältigt. Bis vor zwei Jahren sei sie ähnlich viel gefahren, aber deutlich weniger zielgerichtet.
Bei allem Ehrgeiz, der Anita Klaiber bestimmt antreibt, sagt sie: «Letztlich ist Radfahren nur ein sehr intensives Hobby, das mir vor allem Spass bereiten muss.» Sobald das Rennfahren zum Müssen werde, höre sie damit auf.
Die 54-Jährige, die früher ihre Tochter an die Rennen begleitet hat, wird nun selbst von dieser unterstützt. Als Betreuerin ist Giara Klaiber meist am Streckenrand, wenn ihre Mutter ein Rennen fährt – nur an der WM im fernen Japan war das nicht möglich. Anita Klaiber schätzt die Nähe zu ihrer Tochter und findet es praktisch, «nach einem Rennen am Sonntag nicht noch mit dem Auto nach Hause fahren zu müssen.»
Nach einem intensiven Duell gab’s für Anita Klaiber die Silbermedaille