Es war eine aussergewöhnliche Rettungsaktion. Mit dem Abbruch einer Liegenschaft der Weinkellerei Schiess in St. Margrethen wäre auch ein originales Wandgemälde des Bündner «Schellen-Ursli»-Illustrators Alois Carigiet unwiederbringlich zerstört worden. Der Verein Uniun Trun Cultura erteilte den Auftrag, das Bild aus der Wand zu lösen, zu reinigen und zu erhalten. Die beiden Restauratoren Beat Fischer aus Dalin GR und Michael Hauser aus St. Gallen hielten ihre Arbeitsschritte in einem Bericht fest, den sie nun veröffentlichten.
Ein Bild, das direkt Teil der Mauer war
Die Herausforderung begann bereits beim Aufbau des Kunstwerks. Carigiet hatte die Landschaft mit dem Fürstenhaus Berneck, den Weinbergen und dem ehemaligen Schloss Rosenburg nicht auf Leinwand gemalt, sondern direkt auf den Verputz der Ziegelwand. Die grobe, lebendig strukturierte Oberfläche gehörte dabei bewusst zum künstlerischen Ausdruck. Eine einfache Ablösung der Farbschicht kam deshalb nicht infrage.
Arbeitsschritte der Restaurierung
Hinzu kam, dass sich hinter der Mauer verschiedene Räume befanden. Je nach Abschnitt war das Mauerwerk unterschiedlich dick, verliefen Leitungen oder ein Kamin dahinter oder stiessen Querwände an die Bildwand. Vor Beginn der Arbeiten musste deshalb zunächst die Statik untersucht werden. Angrenzende Balkone wurden vorsorglich abgestützt, damit die Mauer später von hinten zurückgebaut werden konnte.
Jahrzehnte hinterliessen ihre Spuren
Auch der Zustand des Wandbilds machte die Arbeiten anspruchsvoll. Die Oberfläche war stark verschmutzt, wies gelbliche und dunkle Verfärbungen auf und zeigte zahlreiche Laufspuren früherer Feuchtigkeit. Feine Risse durchzogen den Putz. Besonders auffällig war ein langer Riss, der mitten durch die gemalte Sonne verlief – genau dort, wo sich früher auf der Rückseite eine Querwand befunden hatte. Zudem fanden die Restauratoren ältere Ausbesserungen und Retuschen, was darauf hindeutet, dass das Werk bereits früher beschädigt worden war.
Stabilisiert, ausgeschäumt und freigelegt
Bevor am Original gearbeitet wurde, probierte das Restauratorenteam verschiedene Methoden aus. An eigens angefertigten Probestücken testeten sie Materialien und Arbeitsschritte. Erst danach konnte die eigentliche Bergung beginnen. Dabei kam die sogenannte Stacco-Technik zum Einsatz, ein Verfahren, das vor allem bei wertvollen Wandmalereien verwendet wird. Um die empfindliche Oberfläche zu schützen, beklebten die Restauratoren das Gemälde mit hauchdünnem Japanpapier, das mithilfe eines Methylcellulose-Weizenstärkekleisters aufgebracht wurde. Anschliessend markierten sie den gewünschten Bildausschnitt auf der Rückseite der Wand und schnitten ihn sorgfältig aus.
Danach entstand eine ungewöhnliche Konstruktion: Vor das Bild wurde ein klappbarer Lattenrost montiert, der mit Polyurethan-Schaum mit der geschützten Bildoberfläche verbunden wurde. So erhielt das fragile Kunstwerk während der Arbeiten die nötige Stabilität. Erst jetzt konnte die eigentliche Mauer von hinten Schicht für Schicht abgetragen werden. Stein um Stein arbeiteten sich die Restauratoren bis auf den Verputz vor. Anschliessend kippten sie das gesamte Schichtpaket vorsichtig in die Waagrechte. Damit war die Rettung noch längst nicht abgeschlossen.
Millimeterarbeit auf der Rückseite des Gemäldes
Im Atelier entfernten die Konservatoren mit Trennscheiben und pneumatischen Mikromeisseln zunächst den mehrere Zentimeter dicken Zementunterputz. Ziel war es, nur die wenige Millimeter starke Deckschicht mit der eigentlichen Malerei zu erhalten. Danach erhielt das Wandbild einen neuen Träger. Die Experten füllten Vertiefungen mit Kalkmörtel aus, verstärkten die Rückseite und fixierten das Ölgemälde auf einem Streckmetallträger. Erst danach konnten sie den provisorischen Holzrost und den Schaum entfernen. Zum Schluss lösten die Restauratoren das schützende Japanpapier vorsichtig mit Feuchtigkeit ab, reinigten die Oberfläche, besserten die Schnittkanten nach und nahmen mit Pulverpigmenten feine Retuschen vor.
Jeder Arbeitsschritt musste stimmen
Über Wochen hinweg arbeiteten die Spezialisten daran, das historische Kunstwerk möglichst unverändert zu erhalten. Jeder Arbeitsschritt baute auf dem vorherigen auf – ein Fehler hätte irreparable Schäden verursachen können. Gerade weil Carigiet die Struktur des Verputzes bewusst in seine Malerei einbezogen hatte, genügte es nicht, nur die Farbschicht zu sichern. Erhalten werden musste die gesamte Oberfläche mit ihrer charakteristischen Textur. Erst dadurch bleibt das Werk nachhaltig und authentisch geschützt. Das Resultat kann voraussichtlich bis im Jahr 2028 als Leihgabe im Haus des Weins in Berneck zu den regulären Öffnungszeiten betrachtet werden.
Der Verein Uniun Trun Cultura baut zurzeit das Geburtshaus von Alois Carigiet in Trun GR zu einem Museum aus. Nach dessen Fertigstellung soll das Gemälde dort einen Ehrenplatz erhalten.
Hintergründe
Die Arbeiten führte die Arbeitsgemeinschaft Beat Fischer und Michael Hauser im Auftrag des Vereins Uniun Trun Cultura aus. Zur Restauration des Bildes verwendeten sie folgende Werkstoffe:
- Japanpapier
- Methylcellulose
- Weizenstärkekleister
- Proteinleim
- Polyurethanschaum
- Epoxidharzkleber
- Sand
- Hydraulischer Kalk
- Weisszement
- Polypropylenfasern
- Polymerdispersion
- Diverse Pulverpigmente
So retteten Restauratoren ein einzigartiges Carigiet-Wandgemälde vor der Zerstörung