Es gibt nur noch wenige gesunde, alte Eschen im Rheintal. In Kriessern, beim Haus der Familie Hutter, steht eine. Sie ist grossgewachsen, mit einem schlanken, hohen Stamm. Woher dieser schöne Stamm? Grossvater Christian Hutter erzählt aus seiner Kindheit. Als Drittklässler wollten seine Eltern die wilden Eschentriebe am Rand des «Bommets» loshaben.
Der Bub übernahm das, konnte zwar bis auf drei Meter Höhe alle Äste mit dem Sackmesser entfernen, doch der Haupttrieb war ihm zu zäh. So liess er die Rute stehen, der Baum gedieh prächtig und steht nun als bald hundertjähriges Monument im Unterdorf von Kriessern, dem nördlichen Dorf der Gemeinde Oberriet. Grossmutter Elsbeth freut sich jeden Tag an dem wertvollen Baum und schätzt ihn seit vielen Jahren sehr. Die Esche hört zu, ist zufrieden und erzählt ihrerseits Geschichten aus ihrem Leben. Gleichzeitig bietet sie Lebensraum für viele Tier- und Vogelarten.
Eschen treiben spät
Einmal, vor zehn Jahren, hat die Esche nicht wie üblich im späten April ausgetrieben. Die Familie machte sich schon Sorgen. Doch dann begannen die schwarzen Knospen doch noch zu treiben. Es war offenbar nur die Folge eines harten Winters. Denn die Esche treibt als typischer Baum der Aue spät aus, was beim üblichen Frühlingshochwasser mit Schneeschmelze von Vorteil ist. Die Esche in Kriessern steht in einer leichten Senke und findet dort offensichtlich auch im heissesten Sommer immer genügend Wasser im Untergrund. Dann steht sie im vollen Laub und gibt viel kühlenden Schatten.
Die heimische «Gemeine Esche» zählt zu den Ölbaumgewächsen, ist verwandt mit dem Olivenbaum. Mit rund vier Prozent der Gesamtzahl aller Bäume ist sie nach der Buche der zweithäufigste Laubbaum in der Schweiz. Wegen ihres schnellen Wachstums und der hervorragenden Holzeigenschaften – elastisch und zäh – findet die Esche vor allem in der Herstellung von Werkzeugen und Sportgeräten wie Schlitten und Ski sowie im Haus als Parkett, Treppengeländer oder Möbel eine breite Anwendung. Blätter, Knospen und Rinde junger Eschen stellen für Wildtiere eine wichtige Nahrungsquelle dar.
Kaum mehr gesunde Jungbäume
Bis vor wenigen Jahren waren die vielen jungen Eschentriebe im Wald ein Ärgernis für den Förster. Doch das hat sich radikal geändert. Es gibt bei uns kaum mehr gesunde Jungbäume. Ganze Alleen entlang der Kanäle und an der Autobahn mussten weichen, weil die Bäume zum Sicherheitsrisiko wurden.
Das Eschentriebsterben, auch bekannt als Eschenwelke, ist eine schwere Baumkrankheit, die von einem aus Ostasien eingeschleppten Pilz verursacht wird. Vermutlich wurde der Krankheitserreger mit Pflanzenmaterial nach Europa eingeschleppt, wo er sich rasch ausgebreitet hat. In der Schweiz wurde das Eschentriebsterben erstmals 2008 um Basel festgestellt. Die Krankheit ist inzwischen in allen Regionen des Landes verbreitet. Bis heute sind keine wirkungsvollen Massnahmen gegen das Sterben der Esche im Wald bekannt, und ihre Existenz als wertvolle Baumart ist bedroht.
Auf dem Feld weniger schlimm als im Wald
Warum stehen dennoch in unseren Dörfern und Städten da und dort noch gesunde, alte Eschen? Im Gegensatz zum Wald scheint die Krankheit in der Siedlung und auf dem Feld weniger gravierend zu verlaufen. Viele Eschen sind dort weniger stark betroffen und leben besser als erwartet. Der Unterschied liegt vermutlich darin, dass die Ausbreitung des Erregers durch das Einsammeln des Laubes im Herbst eingedämmt wird. Weil die Fruchtkörper und somit die Sporen des Pilzes auf den letztjährigen Blättern gebildet werden, sinkt dadurch der Infektionsdruck.
Es ist deshalb umso wichtiger, dass gesunde Eschen wie jene in Kriessern möglichst lange am Leben bleiben und sogar mit ‹Lauben› im Herbst gefördert werden. Vielleicht werden sie sogar resistent und können diese Eigenschaft an ihre Nachkommen übertragen.
Das Baumquartett «Siedlungsbäume St. Galler Rheintal» kann bei den Gemeinden von Rüthi bis St. Margrethen bezogen werden. Unter diesem Link gibt es eine Übersicht über die Standorte der ausgewählten Bäume: www.regionrheintal.ch/baumquartett
Vom Sackmesser verschont: die hundertjährige Esche der Familie Hutter