Hand hoch, wer von euch hat Dräck am Stecken? Also ich nicht. Wirklich nicht! Mein Stecken (beziehungsweise meine Weste) ist blütenweiss. Stattdessen habe ich Dreck im Eingangsbereich unseres Hauses. Manchmal frage ich mich, ob Dreck giggerig auf Kinderschuhe ist. Oder ob sich Schlamm und Heranwachsende magnetisch anziehen. (Gut, vielleicht tschumpeln Kinder auch einfach völlig sorglos in jedes Rheintaler Dräcksloch.) Auf jeden Fall liegen bei uns tagtäglich gefühlt tonnenweise Erde und Steinli. Genau dort, wo sich Besuch den ersten Eindruck bildet. Juhee!
Unter den grossen Teppich gekehrt
Meist gumpe ich nach Entdeckung des Schmutzes emsig einen Stock höher, bewaffne mich mit meinem ferrariroten Staubsauger und sage der Erde den Kampf an. Im Max-Boost-Modus natürlich. Neulich war aber alles anders. Was ihr wissen müsst: Ich liege regelmässig in bemerkenswert wenig würdevoller Haltung in unserem Eingangsbereich. Dort habe ich Ruhe und eine grosse Spiegelfront. Die brauche ich, weil ich nämli Sport mache. Auf Details verzichte ich aus Pietätsgründen.
Blöderweise war es schon 21.30 Uhr, als ich endlich im Sporttenu nach unten schlurfte. Ich hatte gerade das Mätteli ausgerollt, die Hanteln hervorgelupft – schon das fand ich unerhört streng – und mich vor dem Spiegel entsprechend drapiert, als ich ihn entdeckte. Unsympathisch lag er dort. Richtig breit hatte er sich gemacht. Ein riesiger, brösmelig-brauner Erdhaufen mit allerlei fragwürdigem Dreck dazwischen. «Läck Bobby!», dachte ich als Erstes. Dann: «Wäh!» und schlussendlich: «Bloss nicht hinschauen!»
Mir war klar: Wenn ich mich jetzt der gründlichen Beseitigung des Problems widme, dann trainiere ich nachher aber sicher nicht mehr! Und so kam es, wie es kommen musste: Vorsichtig schürgelte ich den Dreck zusammen und schob ihn unter den langen, grossen Teppich, der in unserem Eingangsbereich als Dreckschleuse dient.
Und das alles nach einem intensiven Arbeitstag. Ich war kurz ziemlich stolz auf mich. Danach habe ich sportlich alles gegeben. Hampelmänner, Kniebeugen, Liegestützen. Eventuell habe ich sogar die eine oder andere Kerze gemacht. Am nächsten Morgen ging es mir richtig gut. Weil Wochenende war, gab es Zopf und Latte Macchiato – darum war die Welt für mich in Ordnung.
Aus einem ursprünglichen Häuflein war eine «Katastrophe» geworden
Nachdem das Koffein seine volle Wirkung entfaltet hatte, fand ich, dass es für mich okay wäre, noch bitz zu staubsaugen. Ich machte mich also an die Arbeit und schuftete mich durch das Treppenhaus. Beim Eingang war ich derart gut drauf, dass ich sogar den Teppich aufruggelte, um untenrum sauber zu machen.
Doch, Moooment emol! Nachdem ich das Riesending etwa zur Hälfte aufgerollt hatte, stiess ich auf etwas Brösmeliges, Braunes, Vermatschtes und ziemlich Gruusiges. Mindestens ein halber Quadratmeter der Teppichunterseite war vollgesudelt.
Eine Stunde später sass ich bereits wieder entkoffeiniert auf dem Boden und betrachtete mein verschwitztes Spiegelbild. Der Teppich: tadellos. Die Platten: makellos. Meine Laune: im Keller. Dabei hatte ich doch am Vorabend alles richtig gemacht, oder? Effizient gehandelt, Sport gemacht. Die Hampelmänner, die Kniebeugen – alles top gelaufen. Nur dass das Dräck(s)-Problem eben nie gelöst war. Es lag die ganze Nacht unter dem Teppich und hat sich breitgemacht. Und am Morgen? War aus einem ursprünglichen Häuflein eine «Katastrophe» geworden.
Ich glaube, so funktioniert das mit den meisten Dingen, die man vertuscht, weil man sie nicht sehen will. Sie verschwinden nicht einfach. Sie bleiben. Und irgendwann, wenn man den Teppich – beziehungsweise die Sache – wieder aufrollt, ist der Schlamassel zigmal grösser. Da sitzt man dann, schaut blöd aus der Wäsche und fragt sich, warum man den Dräck eigentlich nicht sofort entfernt, sondern zuerst noch schön unter den Teppich gekehrt hat.
Und gälled, ihr merkeds: Irgendwie gilt das nicht nur für Häuser und Eingangsbereiche. Sondern auch für Probleme in Familien, Betrieben, «Files» und manchmal sogar für ganze Systeme.
Vorläufig erledigt: Annina Dietsche schreibt über den Umgang mit verdrängten Problemen