Altstätten vor 1 Stunde

Wie Fledermäuse nachts jagen und dabei Tausende Insekten vertilgen

An den Pro-Riet-Vorträgen in Altstätten und Buchs liessen sich diese Woche 210 Personen von Fledermäusen begeistern. Mit überraschenden Fakten, persönlichen Erlebnissen und verblüffenden Hörbeispielen zog Katja Schönbächler das Publikum in ihren Bann.

Von pd
aktualisiert vor 1 Stunde

Die Referentin weiss aus Erfahrung, wovon sie erzählt: Fünfeinhalb Jahre arbeitete sie als Tierärztin für die Stiftung Fledermausschutz und auf der Fledermaus-Notfallstation im Zoo Zürich.

Fledermäuse sind die einzigen Säugetiere, die aktiv fliegen können – und sie fliegen mit ihren Händen. Zwischen den verlängerten Fingern spannt sich die Flughaut auf. Schönbächler streckte ihren Arm aus und machte anschaulich, welche Dimension diese Flugkonstruktion beim Menschen hätte: mehrere Meter Spannweite.

Weltweit gibt es rund 1400 Fledermausarten, in der Schweiz 30. Die Vielfalt reicht von auffälligen Mopsfledermäusen und Langohren bis zu winzigen Arten: Rund 50 der kleinsten Fledermäuse hätten zusammen auf einer Postkarte Platz.

Grosse Ohren und Beatboxen

Und die Ohren? Alle Fledermäuse haben im Verhältnis grosse Ohren, besonders eindrücklich ist dies bei den Langohren, deren Ohren beinahe so lang wie der ganze Körper sind. Mit Ultraschallrufen erzeugen Fledermäuse Echos und können damit selbst winzige Insekten in völliger Dunkelheit orten. Schönbächler machte diese erstaunliche Fähigkeit hörbar, indem sie die Ultraschallrufe heruntermodulierte. Besonders eindrücklich war der Jagdruf des Abendseglers, der für das Publikum fast wie der Sound eines Beatboxers klang – rhythmisch und erstaunlich musikalisch. «Wenn jemand noch etwas Neues erforschen möchte, gibt es bei den Fledermäusen jedenfalls noch viel zu entdecken», scherzte die Referentin.

Feinschmecker mit Kescher

Und dann ging es ums Fressen: Zwergfledermäuse jagen in Siedlungen hauptsächlich Mücken, während Langohren bevorzugt Falter fressen. Andere Arten haben sich auf Käfer spezialisiert. Gemeinsam haben sie eines: Sie sind allesamt Feinschmecker. Beine, Flügel oder Gedärme werden ausgespuckt – gefressen wird nur das «Filetstück».

Laut Schönbächler kann eine gerade einmal vier Zentimeter kleine Fledermaus pro Nacht 1000 bis 2000 Insekten fressen. Die Schweizer Fledermäuse vertilgen gemeinsam jährlich über 1000 Tonnen Insekten und leisten damit eine wertvolle natürliche Insektenkontrolle. Besonders raffiniert jagen Wasserfledermäuse: Mit ihren Füssen und der Schwanzflughaut bilden sie eine Art Kescher, mit dem sie Insekten von der Wasseroberfläche fischen.

Doch Fledermäuse überraschen nicht nur bei der Jagd. Auch ihr Liebesleben steckt voller Besonderheiten. Sie paaren sich im Herbst, die Weibchen verzögern jedoch die Befruchtung bis zum Frühling. Meist kommt ein Junges zur Welt – und das kann bei der Geburt rund ein Drittel des Körpergewichts seiner Mutter wiegen.

Was Fledermäuse brauchen

Damit Fledermäuse erfolgreich durch die Nacht kommen, brauchen sie sichere Tagesverstecke, genügend Insekten als Nahrung sowie geschützte und dunkle Flugkorridore zwischen ihren Quartieren und Jagdgebieten. Verstecke finden sie etwa in Gebäudespalten oder Baumhöhlen. Wer alte Bäume und natürliche Strukturen erhält, eine vielfältige, insektenreiche Umgebung schafft und Flugwege offenhält, kann Fledermäuse mit einfachen Massnahmen fördern. Davon profitieren auch viele andere Tiere. In der Schweiz sind alle Fledermausarten geschützt.

Eine Stunde lang lauschte das Publikum aufmerksam, staunte und schmunzelte. Auch nach den Vorträgen wurde am Infotisch eifrig weitergefragt und über Fledermäuse und die Natur diskutiert. Organisiert wurde der Anlass von Pro Riet in Zusammenarbeit mit der Stadt Altstätten, der Stadt Buchs sowie dem Natur- und Vogelschutzverein Buchs-Werdenberg. Der Vortrag ist Teil des Projekts von Pro Riet und der Schweizerischen Vogelwarte Sempach zur Förderung der Biodiversität im Rheintaler Siedlungsraum.