Diese Sicht ist einseitig: Nicht nur eine Begrenzung hat Konsequenzen, sondern auch das heutige starke Bevölkerungswachstum – und diese Folgen sind längst sichtbar. Steigende Mieten, knapper Wohnraum, dichter Verkehr, überlastete Schulen, steigende Gesundheitskosten, Druck auf Spitäler, Pflege und Spitex sowie der Verlust von Grün- und Erholungsräumen sind keine theoretischen Risiken. Sie sind in vielen Gemeinden bereits Alltag.
Wer behauptet, die Initiative gefährde die öffentliche Versorgung, muss erklären, weshalb gerade ein immer grösserer Bedarf diese Versorgung langfristig sichern soll. Mehr Bevölkerung bedeutet nicht nur mehr Arbeitskräfte. Es bedeutet auch mehr Patientinnen und Patienten, mehr Schülerinnen und Schüler, mehr Pendlerinnen und Pendler, mehr Wohnungen, mehr Energieverbrauch und mehr Infrastrukturkosten. Diese Folgekosten tragen am Ende Gemeinden, Kantone und Steuerzahlende.
Auch das Argument des Fachkräftemangels greift zu kurz. Die Schweiz braucht qualifizierte Arbeitskräfte, aber daraus folgt nicht, dass jedes Wachstum unbegrenzt weitergehen muss. Es braucht bessere Ausbildung im Inland, eine stärkere Nutzung des vorhandenen Arbeitskräftepotenzials, bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, höhere Produktivität und gezielte Zuwanderung dort, wo sie wirklich nötig ist.
Die 10-Millionen-Initiative ist kein Angriff auf Menschen, die hier leben und arbeiten. Sie stellt eine legitime politische Frage: Wie viel Wachstum verträgt ein kleines Land mit begrenztem Raum, ohne dass Lebensqualität, Infrastruktur und Landschaft dauerhaft leiden? Eine sachliche Debatte müsste deshalb beide Seiten der Medaille zeigen. Nicht nur die Begrenzung hat Folgen. Auch ein Weiter-wie-bisher hat Folgen – und diese sind heute bereits sichtbar.
Gregor J. Färber, Diepoldsau
Auch unbegrenztes Wachstum hat Konsequenzen