Die Alterung der Gesellschaft und die sinkenden Geburtenraten stellen die Ostschweiz vor grosse Herausforderungen. Wie die Region ihre wirtschaftliche Stärke und Attraktivität trotz dieser Entwicklung sichern kann, stand im Mittelpunkt des EcoOst St.Gallen Symposiums, das am letzten Mittwoch in der Lokremise St.Gallen stattfand. Rund 170 Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft sowie junge Talente und Studierende nahmen an der Veranstaltung teil.
Organisiert wurde das Symposium von den Industrie- und Handelskammern St.Gallen-Appenzell und Thurgau, dem St.Gallen Symposium sowie der Universität St.Gallen. Im Fokus stand die Frage, welche Folgen die demografische Entwicklung für Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Sozialwerke haben wird.
Geburtenraten sinken weltweit
Der Ökonom Dominik Sachs von der Universität St.Gallen zeigte in seinem Referat auf, dass die Geburtenraten weltweit seit Jahrzehnten rückläufig sind. Während die globale Fertilitätsrate mit durchschnittlich 2,21 Kindern pro Frau nur noch knapp über dem Bestandserhaltungsniveau liegt, beträgt sie in der Schweiz lediglich 1,29. In der Ostschweiz fällt sie nur geringfügig höher aus.
Sachs verwies zudem auf einen gesellschaftlichen Wandel: Der Anteil der 20- bis 29-Jährigen ohne Kinderwunsch habe sich innerhalb von zehn Jahren beinahe verdreifacht. Gleichzeitig seien die Ansprüche an die Elternschaft gestiegen. Als mögliche Antworten auf die demografische Entwicklung nannte er eine stärkere Zuwanderung, technologische Fortschritte durch Künstliche Intelligenz und Robotik sowie familienfreundlichere Rahmenbedingungen. Insbesondere bei der Kinderbetreuung und beim Mutterschaftsurlaub habe die Schweiz Nachholbedarf.
Rentenalter als politisches Tabuthema
Barbara Zimmermann-Gerster vom Schweizerischen Arbeitgeberverband machte deutlich, dass die Überalterung nicht nur die Altersvorsorge, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit des Landes betreffe. Sie erinnerte daran, dass 2025 erstmals mehr Menschen über 65 Jahre als unter 20 Jahre in der Schweiz lebten. Dies erhöhe den Druck auf die umlagefinanzierten Sozialwerke erheblich.
Angesichts offener Finanzierungsfragen bei der 13. AHV-Rente und milliardenschwerer Finanzierungslücken im Sozialbereich seien umfassende Reformen notwendig. «Wir werden aber nicht darum herumkommen, das Rentenalter zu erhöhen», sagte Zimmermann-Gerster.
Unternehmen setzen auf Talente und Innovation
In einer Podiumsdiskussion berichteten Vertreterinnen und Vertreter regionaler Unternehmen über ihre Erfahrungen mit dem demografischen Wandel. Angela Meier von Outvision betonte, dass mit Digitalisierung und Innovation der Mensch stärker in den Mittelpunkt rücke. Die Förderung eigener Talente werde deshalb immer wichtiger.
Judith Scherzinger von der Bauwerk Group hob die hohe Lebensqualität der Ostschweiz als Standortvorteil hervor. Gleichzeitig warnte sie vor übermässigen staatlichen Eingriffen in den Arbeitsmarkt. Unternehmen müssten die Möglichkeit haben, Mitarbeitende auch über das ordentliche Rentenalter hinaus weiterzubeschäftigen.
Urs Ryffel von Huber+Suhner sprach sich zudem gegen starre Begrenzungen der Bevölkerungszahl aus. Die bevorstehende Volksabstimmung über die sogenannte «10-Millionen-Schweiz» sei aus seiner Sicht nicht geeignet, die eigentlichen Herausforderungen zu lösen.
Internationale Perspektiven
Studierende des International Students’ Committee des St.Gallen Symposiums ergänzten die Diskussion mit Einblicken aus Deutschland, Nordamerika und Indien. Während in Deutschland die Auswirkungen je nach Branche sehr unterschiedlich ausfielen und in den USA gesellschaftliche Aufstiegschancen zunehmend infrage gestellt würden, verfüge Indien über eine junge und gut ausgebildete Bevölkerung. Darin sahen die Referierenden auch Chancen für eine engere internationale Zusammenarbeit.
Entscheidend ist die Zahl der Erwerbstätigen
Zum Abschluss fasste Markus Bänziger, Direktor der Industrie- und Handelskammer St.Gallen-Appenzell, die wichtigsten Erkenntnisse zusammen. Die steigende Lebenserwartung sei für den Einzelnen erfreulich, stelle die Gesellschaft aber vor grosse Herausforderungen. Entscheidend sei künftig nicht die Bevölkerungszahl, sondern wie viele Menschen tatsächlich erwerbstätig seien.
Für die Sicherung von Wohlstand und Versorgung brauche es Reformen auf mehreren Ebenen. Die notwendigen Massnahmen seien zwar unbequem, dürften jedoch nicht auf Kosten der jüngeren Generation aufgeschoben werden.
Demografischer Wandel wird zur Herausforderung für die Ostschweiz