Ein Ereignis, das wohl nur einmal pro Generation stattfindet, lockte am Samstag zahlreiche Besucherinnen und Besucher zur Kirche Reute. Bei strahlendem Sommerwetter wurde die vergoldete Turmkugel neu bestückt und die aufwendig restaurierte Wetterfahne wieder auf dem Kirchturm montiert.
Bereits die Öffnung des historischen Dokumentenbehälters im Mai hatte grosses Interesse geweckt. Nun wurden neue Zeitdokumente für kommende Generationen in einer eigens angefertigten Dokumentenbox im Turmknopf hinterlegt.
Jahrhundertealte Tradition des Handwerks
Unter der grossen Linde vor der Kirche begrüsste Bauleiter und Moderator Alfred von Siebenthal die Festgemeinde im Namen der Bauherrschaft, der Gemeinde Reute. Er erinnerte daran, dass die Öffnung einer Turmkugel seit Jahrhunderten eine besondere Tradition des Handwerks sei und jeweils von den am Bau beteiligten Handwerkern begleitet werde. Gleichzeitig würdigte er die sorgfältige Arbeit aller eingebundenen Unternehmen, die mit ihrem Fachwissen zum Erhalt des bedeutenden Kulturdenkmals beitragen.
Spannend wurde es beim Rückblick auf die Turmknopföffnung vom 13. Mai. Arthur Sturzenegger stellte die historischen Dokumente vor, die im kupfernen Behälter entdeckt worden waren. Die Aufzeichnungen berichten von Kriegen, wirtschaftlichen Krisen, aussergewöhnlichen Wetterereignissen und vom Alltag der Bevölkerung seit Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur letzten Öffnung im Jahr 1954.
Für die Neubestückung fertigte Michel Menzi eine neue Dokumentenbox an. Vertreterinnen und Vertreter der Gemeinde Reute (Gemeinde- und Kantonsratspräsidentin Karin Steffen), der Denkmalpflege (Vreni Härdi), der Evangelischen Kirchgemeinde Reute–Oberegg (Kivo-Präsident Peter Schüle) sowie der Schule Reute (Thomas Kägi) stellten ihre Beiträge persönlich vor, bevor sie sorgfältig in die Box eingelegt wurden.
Eine unerwartete Entdeckung
Besondere Aufmerksamkeit erregte ein überraschender Zusatzfund. Erst wenige Tage vor der Neubestückung entdeckte Spengler Michel Menzi im nur zwei Zentimeter schmalen Mittelrohr des Dokumentenbehälters einen bis dahin unbekannten Brief des Mechanikers Karl Klee aus Rohnen aus dem Jahr 1932.
Zusammen mit einem Gutschein über eine Million Reichsmark und einem Geldschein im Wert von 10 000 Mark dokumentiert das Schreiben eindrücklich die Folgen der damaligen Inflation in Deutschland. Offenbar war dieses kleine Zeitzeugnis bei der Öffnung der Turmkugel von 1954 unentdeckt geblieben.
Die Unterlagen zeichnen ein Bild der heutigen Zeit. Sie berichten von gesellschaftlichen Veränderungen, den Herausforderungen des Klimawandels, des PFAS-Problems, der Auswirkungen der Digitalisierung und der Künstlichen Intelligenz (KI) sowie von der Entwicklung der Gemeinde und der Kirchgemeinde.
Schülerinnen und Schüler formulieren ihre Wünsche
Besonders berührend war der Beitrag der Schule Reute. Schülerinnen und Schüler formulierten Wünsche und Gedanken für die Zukunft und beschrieben, was ihnen an ihrem Heimatdorf besonders am Herzen liegt.
Zusammen mit einem Klassenfoto wurden ihre handschriftlichen Botschaften in die Dokumentenbox gelegt. Vielleicht werden einige von ihnen eines Tages selbst bei einer erneuten Öffnung der Turmkugel dabei sein. Ein weiterer Höhepunkt war die Enthüllung der restaurierten Wetterfahne.
Das stark beschädigte Fahnenschild wurde in rostfreiem Chromnickelstahl neu gefertigt. Der markante springende Hirsch sowie die erhaltenen Zierelemente wurden sorgfältig restauriert und mit Blattgold neu vergoldet.
Im Sonnenlicht erstrahlte das historische Wahrzeichen wieder in seiner ganzen Schönheit und wurde von den Anwesenden mit grossem Applaus begrüsst.
Nach der Segnung durch Pfarrerin Beata Laszli brachten die Handwerker die Wetterfahne wieder auf den Helmspeer des Kirchturms. Während die Gäste den Anlass beim Apéro ausklingen liessen, verfolgten viele gespannt die Arbeiten hoch über den Dächern von Reute.
Mit der Rückkehr der Wetterfahne an ihren angestammten Platz fand nicht nur eine aufwendige Restaurierung ihren Abschluss. Tief im Innern der Turmkugel ruhen nun erneut Zeugnisse ihrer Zeit. Sie sind bestimmt für Menschen, die sie vielleicht erst in vielen Jahrzehnten oder sogar erst im nächsten Jahrhundert wieder ans Licht holen werden.
Ein historisches «Überraschungsei» wurde feierlich neu bestückt