Christlich vor 1 Stunde

Im Anfang liegt die Kraft, Vertrautes hinter sich zu lassen

Jeder Anfang trägt Unsicherheit und Hoffnung zugleich. Neuanfänge fordern uns heraus und erinnern daran, dass wir nicht alles selbst in der Hand haben und nicht immer die Ersten, Grössten oder Besten sein müssen.

Von Barbara-Damasche-Bösch, Pfarrerin
aktualisiert vor 1 Stunde

Vor knapp zwei Wochen hat ein neues Schuljahr angefangen. Viele Kinder waren auch dieses Jahr vor dem ersten Schultag nach den langen Sommerferien nervös.

Anfänge prägen unser Leben. Immer wieder sind wir herausgefordert, anzufangen.

Wie wir sprechen, uns bewegen, was wir gerne und gut können: Alles hat einmal begonnen.

Auch in der Bibel gibt es viele Anfänge: den Beginn der Zeit Gottes mit den Menschen, viele schwierige Situationen, in denen Neuanfänge gestaltet werden mussten, und
Erzählungen über die Barmherzigkeit Gottes, der immer wieder neue Anfänge – auch in der Beziehung zu ihm – zulässt.

Aus christlicher Sicht ist ein gewichtiger Neuanfang die Auferweckung Christi. Der Tod ist damit in seiner Endgültigkeit überwunden. Daraus dürfen wir ableiten: Auch in ausweglos scheinenden Situationen kann hoffnungsvoll Neues entstehen.

Der bekannteste Anfang aber steht gleich in den ersten Worten der Bibel. «Am Anfang» übersetzt Luther, «Im Anfang» die Einheits- und die Zürcher Bibel. Ein «A» als erster Buchstabe des Alphabetes weist auf den Anfang aller Anfänge hin. Aber auf Hebräisch ist dies anders: Die Bibel beginnt mit einem «B». Dieses Beth kann man mit «in», «an», «bei», «mit» oder sogar «durch» übersetzen. «Beim Beginn schuf Gott …» würde dies auf Deutsch anzeigen.

Es geht am Anfang also nicht nur um ein Wann in ferner Vergangenheit, sondern auch um ein Wo – bis heute.

Nun will ich die Bibel nicht neu übersetzen. Aber dieses «B» am Anfang hat für mich, gespeist aus jüdischer Tradition, eine spirituelle Bedeutung: Nicht die geschaffenen Dinge stehen zu Beginn da. Nicht die Welt mit uns ist das Erste, sondern Gott. Alles Geschaffene steht an zweiter Stelle, wie auch das «B» als zweiter Buchstabe des Alphabetes für die «Zwei» steht. Die Nummer «eins» ist der Eine, die Erste, das Ewige: Gott.

In einer Gesellschaft, in der es oft darum geht, wer der Schnellste oder die Schönste, derjenige mit der meisten Aufmerksamkeit oder der grössten Macht ist, finde ich es ungemein erleichternd, an Gott glauben zu können. Denn dieser Glaube lässt mich wissen: Wir sind Teil der Weltschöpfung Gottes und müssen nicht die Besten, Grössten und Stärksten sein – und können es auch nicht. Denn niemand ist wie Gott: eine Erkenntnis und Friedensgrundlage.

Manchmal liegen grosse Wahrheiten in einzelnen Buchstaben. Deshalb lerne ich immer wieder neu zu lesen: wissbegierig und offen wie am ersten Schultag.

Gott ist immer schon da. In allen Anfängen und bei Beginn.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Wochenende und gesegnete Anfänge!