Bildung vor 9 Minuten

Lehrlinge können immer schlechter schreiben und lesen – woran das liegt

Lehrbetriebe müssen ihren Lernenden immer öfter Grundkompetenzen wie Lesen, Schreiben oder Rechnen beibringen. Der oberste St. Galler Lehrer Patrick Keller bemerkt die Probleme auch in der Schule.

Von Lars Morger
aktualisiert vor 7 Minuten

Eine Umfrage von Economiesuisse, dem Schweizer Gewerbeverband sowie dem Schweizer Arbeitgeberverband lässt aufhorchen: Sie haben bei gut 3000 Ausbildungsbetrieben nachgefragt, wie es um die Grundkompetenzen ihrer Lernenden steht. Das Kurzfazit: schlecht. Besonders im Schreiben und Rechnen haben sich die Fähigkeiten der Lehrlinge in den letzten fünf bis zehn Jahren deutlich verschlechtert. Knapp 60 Prozent halten die Schreibfähigkeiten ihrer Lehrlinge für ungenügend oder nicht erfüllt. Zwei Drittel sehen Defizite bei Rechtschreibung und Grammatik. Auch in Mathe lassen die Kompetenzen zu wünschen übrig.

Für die Verbände und Unternehmen ist klar: Die Vermittlung von Grundkompetenzen sei primär Aufgabe der obligatorischen Schule. Und je grösser die Kompetenzlücken beim Lehreintritt seien, desto mehr Zeit und Ressourcen müssen Unternehmen aufwenden. Das führt bei rund einem Fünftel der befragten Betriebe dazu, dass sie künftig weniger Lernende rekrutieren wollen.

Rund ein Viertel erreicht Kompetenzen nicht

Wie kommt es, dass die Ausbildungsbetriebe immer mehr mit den fehlenden Grundkompetenzen ihrer Lehrlinge zurechtkommen müssen? Patrick Keller, der Präsident des St. Galler Lehrerinnen- und Lehrerverbands, sagt, dass die neue Pisa-Studie zwar zeige, dass die Schweizer Schülerinnen und Schüler weltweit zur Spitzengruppe gehören. Dennoch gingen die Leistungen insgesamt in der Schweiz zurück. Warum das so ist, lasse sich nicht so einfach beantworten, sagt Keller. «Vermutlich gibt es verschiedene Faktoren, die einen Einfluss auf die Leistung haben.» Keller streicht heraus, dass eine deutliche Mehrheit der Schülerinnen und Schüler die Grundkompetenzen erreicht oder diese gar übertrifft. Er sagt:

Nicht wegdiskutieren lässt sich aber, dass rund ein Viertel der Jugendlichen die Grundkompetenzen insbesondere beim Lesen und in der Mathematik nicht erreicht. 

Das erkläre wohl zumindest teilweise, weshalb die Lehrbetriebe vermehrt unterstützen müssten. Die Schulen müssten sich insbesondere fragen, warum es ihnen zu wenig gelinge, Kinder und Jugendliche aus benachteiligten Schichten besser zu fördern. Eine einfache Antwort gebe es auch darauf nicht, so Keller. Er sagt: «Wir sind unter anderem davon überzeugt, dass durch frühe Förderung Entwicklungsdefizite früh erkannt und vermindert werden könnten. Dies könnte die Chancengerechtigkeit beim Start in die Schule wesentlich verbessern.» Auch die sozialen Medien könnten ein Grund für die Probleme sein, auch wenn sich das nicht genau messen lasse.

Es besteht immer mehr Förderbedarf. Überhaupt gibt es eine wachsende Anzahl Kinder und Jugendlicher, die einen besonderen Förderbedarf haben. Diese erhalten dann über einen kleineren oder grösseren Zeitraum während der Volksschule Unterstützung, beispielsweise durch Therapeuten oder Heilpädagoginnen. Alle Probleme lassen sich aber auch so nicht immer lösen. «Insofern ist es nicht erstaunlich, dass sie in der Berufsausbildung weitere Unterstützung benötigen», so Keller. Die Probleme entstehen also gar schon vor dem Schuleintritt und akzentuieren sich je nachdem während der obligatorischen Schulzeit. 

Was kann denn die Schule konkret machen? Es brauche sicher ausreichend Zeit, um die Kompetenzen zu festigen. Um die Gründe für die Probleme wirklich eruieren zu können, bräuchte es eine vertiefte Ursachenforschung, sagt der Lehrer.

Rahmenbedingungen verbessern

Da es diese bisher noch nicht gibt, fehlt der Schule das genaue Wissen, um dem Problem besser entgegenzuwirken. Keller sagt: «Vermutlich wäre ein Mix aus gemeinsamem und individuellem Unterricht am zielführendsten.» Die Instrumente und Methoden dafür seien vorhanden, allenfalls müssten je nach Standort die Rahmenbedingungen verbessert werden. 

Das schliesst auch die Ressourcen mit ein – bekanntlich herrscht in der Schweiz und auch im Kanton St. Gallen ein Mangel an ausgebildeten Lehrpersonen. Am Schluss braucht es aber nicht nur die Schule, sondern auch die Eltern oder die Gesellschaft, um die Probleme zu lösen. Ein Miteinander, wie es Keller nennt. Gegenseitige Schuldzuweisungen seien nicht zielführend. 

«Ein komplexes Problem in einem komplexen Umfeld kann nur gemeinsam gelöst werden. Wenn alle Beteiligten am selben Strick ziehen und mit dem nötigen Vertrauen auftreten, ist viel gewonnen.»