Christlich vor 2 Stunden

Letzte Worte zeigen, wie tief mütterliche Geborgenheit trägt

Am Sonntag ist Muttertag. Er lädt dazu ein, über prägende Momente des eigenen Lebens nachzudenken. Guido Scherrer, Pfarrer in der Seelsorgeeinheit Blattenberg, erzählt von zwei eigenen Beobachtungen.

Von Guido Scherrer, Pfarrer
aktualisiert vor 1 Stunde

Wer kennt nicht die Momente, die sich tief in unser Bewusstsein und in unsere Erinnerungen einprägen, sodass wir sie nicht vergessen?

Vor vielen Jahren wurde ich an das Sterbebett einer Urgrossmutter gerufen. Sie lebte an die 100 Jahre lang und sah Kinder und Kindeskinder in grosser Zahl. Sie nahm mit Interesse am Leben der sich weit verzweigenden Familie teil und verfolgte aufmerksam ihr Werden und Grösserwerden. Sie wusste sogar ungefähr, wann wieder ein Urenkelkind geboren werden sollte. Die vielen Jahre ihres Lebens machten sie nicht abgestumpft gegenüber dem Neuen.

Der Ruf nach der Mutter

Tief eingeprägt hat sich bei mir, dass diese hochbetagte Urgrossmutter in den letzten Stunden ihres Lebens nach ihrer Mutter rief. Diesen Ruf setze ich einmal mit der Sehnsucht nach Geborgenheit gleich, die im Moment des Sterbens im Wort «Mutter» wieder lebendig wurde. Diese Frau hat zeitlebens sorgend und bergend für Kinder und Kindeskinder über Jahrzehnte hinweg gesorgt.

Unverschüttet blieb dabei das Vertrauen in jene zuerst erfahrene Geborgenheit. Vielleicht war sie gerade die entscheidende Wurzel, aus der diese Frau und Mutter ihr Leben lang ihre Kraft schöpfte, um für die Aufgaben und Herausforderungen ihrer Familie und darüber hinaus für andere da zu sein.

Einen zweiten, ähnlichen Moment erlebte ich beim Sterben meiner Mutter. Wie in einem Film erzählte sie mir in den letzten Stunden noch einmal von den wichtigen Orten ihres Lebens, davon, wo und wie sie das Zusammensein mit anderen pflegte. Als ich mich über sie beugte und sich unsere Gesichter näherten, strich sie mir mit der Hand über die Wange und nannte mich bei dem Kosewort, das sie mir immer gesagt hatte.

Hätte mich jemand eine Stunde vorher nach diesem Kosewort gefragt, hätte ich mich sicher nicht sofort daran erinnert.

Doch in diesem Moment wurde die lange verstummte Erinnerung, die ich als kleines Kind immer wieder gehört hatte, wieder lebendig.

Kosewort als Codewort der Herzlichkeit

Ein Gefühl der Dankbarkeit für diesen kostbaren Moment erfüllte mich. Am Anfang und am Ende unserer gemeinsamen Zeit bezeugte dieses mütterliche Kosewort die fürsorgliche Beziehung. Es war das Codewort für die Herzlichkeit, die sie mit mir verband. Dieses Codewort ist mehr als nur die Folge einiger Buchstaben. Mir ist, als könnte ich noch jetzt aus ihrer Stimme all die geschenkte Liebe heraushören, die sie in die einzelnen Momente legte und die mir ihre Fürsorglichkeit von Anfang an schenkte.

Mütter bleiben immer Mütter, und Kinder bleiben immer Kinder – ungeachtet der Zahl der Jahre. Die erfahrene Fürsorglichkeit ist der gute Grund, auf dem vieles wachsen und gedeihen darf, was wiederum als Frucht auch im Heute reifen will. Für mich brauche ich den Muttertag nicht. Aber er bietet mir doch die Gelegenheit, diese persönlichen Gedanken als Anregung zum eigenen Nachdenken einem interessierten Kreis hier vorzulegen.

Als Fragen bleiben: Welche Geborgenheit und Herzlichkeit habe ich erlebt? Welche Früchte zeigen sich daraus in meinem Leben?