Es war eines dieser Spiele, die man als Fan des FC St. Gallen nicht so schnell vergisst. Eines dieser Spiele, bei denen die Atmosphäre schon weit vor dem Spiel zu knistern beginnt. Eines dieser Spiele, in denen der Espenblock anderthalb Stunden vor dem Anpfiff schon proppenvoll ist und damit beginnt, das Team zu unterstützen. Mit Benfica war ein Weltverein in der Ostschweiz zu Gast, und das war spürbar. Überall waren Fans des 38-fachen portugiesischen Meisters anzutreffen. Die meisten von ihnen waren aus der Schweiz angereist – im Gästeblock sah man zunächst die Zaunfahnen der Fanclubs aus Zürich, Lenzburg AG und Romont FR.
«Wir haben uns dieses Spiel verdient, wir haben viel dafür gearbeitet», hatte FCSG-Trainer Enrico Maassen an der Pressekonferenz vor dem Spiel gesagt. Er sprach auf den Cupsieg und den zweiten Platz an; auf grosse Erfolge für die Ostschweizer, die ein deutlich bescheideneres Palmarès als Benfica ihr Eigen nennen. Dennoch: In Sachen Leidenschaft wissen die Ostschweizer mit den Portugiesen mitzuhalten, das bewiesen die Fans sogleich. Und auch Captain Lukas Görtler hatte an der PK in Aussicht gestellt, der FCSG werde das Herz auf den Platz bringen.
St. Gallens WM-Fahrer spielt, die von Benfica nicht
Wie gross der Stellenwert des Spiels für den FC St. Gallen ist, zeigt auch eine Tatsache: Lawrence Ati Zigi, der ghanaische Nati-Goalie und einzige WM-Fahrer der Ostschweizer, spielte von Beginn an. Derweil figurierten vier von sechs Spielern, die Benfica in Nordamerika stellte, nicht im Aufgebot. Und Portugals Tomás Araújo sowie Bosnien-Herzegowinas Amar Dedic nahmen auch nur auf der Bank Platz. Für Benfica, das ist klar, war das Spiel eher eine lästige Pflicht als eine Kür. Die Portugiesen sind sich andere Bühnen gewohnt, spielen normalerweise in der Champions League.
Für den FCSG konnte diese Ausgangslage aber auch eine Chance bedeuten. Dennoch brachte Benfica genug Qualität auf das Feld, um weiterhin als deutlicher Favorit zu gelten. Enrico Maassen vertraute derweil auf seine bewährten Kräfte, mit Andrin Hunziker und Leon Frokaj nahmen beide Zuzüge des Sommers vorerst auf der Bank Platz. Das Spiel begann dann mit einem Eckball für den FCSG nach 90 Sekunden, doch Gefahr entstand dadurch nicht. Es war noch keiner dieser «Momente», von denen sowohl Maassen wie auch Görtler vor dem Spiel gesprochen hatten.
Der grosse Moment kommt kurz vor der Pause
Doch diesen Moment gab es. Er ereignete sich in den Minuten 37 und 38, als der FCSG heftig ans gegnerische Tor anklopfte. Zuerst köpfte Christian Witzig nicht genau genug, doch er kündigte damit das Führungstor der Ostschweizer an. Nur eine Minute später kam der Ball zu Aliou Baldé, der ihn mit einem spektakulären Schlenzer aus spitzem Winkel zum 1:0 im Tor versorgte. Wenig später hätte Baldé diesen Moment ausbauen können, doch er scheiterte alleine vor dem ukrainischen Benfica-Goalie Anatoliy Trubin. Und dann kam es noch schlimmer: Die Portugiesen glichen durch Rafa Silva nach einem schnörkellos vorgetragenen Angriff zum 1:1 aus.
Zuvor hatte sich nicht allzu viel ereignet. Die Gäste hatten mit Vangelis Pavlidis und Georgiy Sudakov die erste (Doppel-)Chance der Partie, doch dann geschah lange Zeit nichts, das die beiden Torhüter aus dem Konzept gebracht hätte. St. Gallen verstand es, wie von Maassen angekündigt, die Pressinglinien zu verschieben und damit dem Gegner den Schneid abzukaufen. Die Gäste wurden ab und zu etwas nervös, nach einem Foul von Jozo Stanic wetterten drei Männer der Benfica-Bank auf den italienischen vierten Offiziellen ein. Es war schon spürbar: Wenn Benfica dieses Jahr schon nicht Champions League spielt, dann soll es wenigstens der Europa-League-Sieg sein.
Doch bis dahin ist es selbst für einen Verein wie Benfica noch ein weiter Weg. Jakub Kaminski, von Köln gekommen, war der gefährlichste Mann auf dem Platz, doch weder er noch Torjäger Pavlidis drückten der ersten Hälfte ihren Stempel auf. Und schon gar nicht die Fans: Zwar waren überall rote Shirts zu sehen und der Gästeblock war voll, doch die Stimmungskulisse gehörte zu jedem Zeitpunkt den Ostschweizern. Das war schon etwas gar enttäuschend.
Tom Gaal, schon wieder dieser Tom Gaal!
Nach dem Seitenwechsel blieb das Spiel eher nervös und zerfahren, doch die Ostschweizer blieben mit den Gästen auf Augenhöhe. Sie erarbeiteten sich auch Offensivaktionen, blieben dabei allerdings oft etwas zu unpräzis. Symbolisch dafür steht die Aktion nach einer Stunde des Spiels – St.Gallen führte zu dem Zeitpunkt nach Eckbällen mit 5:3 – in der es die Ostschweizer dreimal vermasselten, dem Ball die richtige Qualität mitzugeben. Dennoch blieb der FCSG dran, er machte die Portugiesen nervös; der Plan, so unbequem wie möglich aufzutreten, ging voll auf.
Doch Benfica konnte wechseln, und wechselte einen starken Spieler ein: Tiago Gouveia wurde nach noch nicht einmal einer Minute Einsatzzeit auf die Reise geschickt, doch Tom Gaal konnte ihn im letzten Moment noch stoppen. St.Gallen wechselte danach auch dreimal, dabei kamen auch die Zuzüge Hunziker und Frokaj zu ihren ersten Einsätzen. Das Spiel stand nun auf des Messers Schneide, ein Standard war geeignet dazu, es wieder in andere Bahnen zu lenken. Und zu einem solchen kam der FCSG nach 80 Minuten von halblinker Position. Daschner brachte den Ball zur Mitte, wo Gaal das 2:1 realisierte – ausgerechnet Verteidiger Gaal, der schon im Cupfinal das 1:0 erzielt hatte!
Danach rannten die Gäste an, eine Niederlage in St.Gallen stand dann doch nicht auf ihrem Plan. Und mit Einbruch der Nachspielzeit kam ihre Chance mit einem Freistoss aus 20 Metern, den Sudakov ausführte – doch vor einem gellenden Pfeifkonzert des Espenblocks schoss er in die Mauer. Es dauerte danach noch drei Minuten, doch in diesen geschah nichts mehr. Es ist tatsächlich wahr: St.Gallen besiegte Benfica und reist damit mit breiter Brust ans Rückspiel nach Portugal.
St.Gallen gelingt die Sensation: 2:1-Heimsieg gegen Benfica