Es ist vollbracht. Der FC St.Gallen krönt sich zum Cupsieger 2026. Eine fussballverrückte Stadt und eine ganze Region sind elektrisiert. Als Schiedsrichter Luca Cibelli um kurz nach 16 Uhr an diesem heissen Pfingstsonntag das Spiel abpfeift, gibt es in der Gallusstadt kein Halten mehr. Der Jubel brandet an beiden Hügeln hinauf, in die Drei Weiern und hinauf bis zum Peter und Paul. Auf dem Marktplatz umarmen sich wildfremde Menschen, Bier fliegt in die Luft, Freudentränen fliessen, die Luft rund um den stoischen Vadian vibriert. Es ist die Eruption einer Stadt, die sportliche Sternstunden selten erlebt. Vom letzten Cupsieg 1969 kennt man Bilder in Schwarz-Weiss. Vom Meistertitel im Jahr 2000 erzählen Eltern ihren Kindern. Und jetzt dürfen diese Generationen gemeinsam einen Titel feiern.
Im Berner Wankdorf liegen sich Spieler und Betreuer in den Armen, auf den Rängen spielen sich rührende Szenen ab, Fäuste werden gen Himmel gereckt, Schreie der Erlösung mischen sich in den Jubel. Sie haben ihn geholt, den «Chübel». Sie sind Görtler, Zigi, Stanic. Sie sind Hüppi, Maassen, Stilz. Sie sind, was sich in den letzten Jahren zu einem Vorzeigeverein in der Schweizer Fussball-Liga entwickelt hat: solide geführt, breit finanziert, tief verankert.
Allzu gerne wird im Mittelland alles östlich von Winterthur als ferner Osten abgetan. Es fehlt mitunter an Strahlkraft, an mutigen Würfen, an wirtschaftlichen Aushängeschildern – und mit Sicherheit an sportlichem Erfolg. Während Städte wie Bern, Basel oder Zürich regelmässig Titel gewinnen, bleiben sie in der Gallusstadt während Jahrzehnten ein Sehnsuchtsort. Als Fan des FC St.Gallen lernt man, mit Niederlagen umzugehen. Darum war die Sehnsucht nach einem Erfolg so gross – und wird jetzt durch den Triumph gestillt.
Insbesondere Präsident Matthias Hüppi mag man diesen Erfolg gönnen. Zwar legt er stets Wert darauf, das Team in den Vordergrund zu stellen, doch die Fans wissen genau, was sie am einstigen SRF-Moderator haben. Von einer grün-weissen Bewegung sprach er bei seinem Antritt, von einer Einheit, zwischen die kein Blatt Papier passe. Das hat er geschafft – und krönt mit dem Cupsieg seine Arbeit der letzten Jahre. Mit Enno Maassen fand man einen Trainer, der aus jungen Talenten und arrivierten Stammkräften ein stabiles Team geformt hat, das in dieser Saison nur schwer zu bezwingen war. Und Sportchef Roger Stilz hat mit seiner Kaderzusammenstellung ein hervorragendes Händchen bewiesen.
Wer im Vorfeld des Cupfinals noch Angst hatte, die Mannschaft könnte am Druck scheitern oder Gegner Lausanne-Ouchy über sich hinauswachsen, sah sich während des Spiels bald einmal bestätigt, dass der FC St.Gallen in der Ausgabe 2025/26 einer solchen Aufgabe gewachsen ist.
Und doch brauchte dieses Spiel Nerven. Auf die erwartet frühe Führung folgte mit der der roten Karte gegen Goalie Watkowiak ein Schock kurz vor der Pause. Würde das Spiel jetzt kippen? Bange Momente und gefährliche Angriffe Lausanne-Ouchys folgten nach Wiederanpfiff. Erst Görtlers Penalty und schliesslich das Traumtor von Witzig führten zur Entscheidung – zur Erlösung.
Fussball ist ein Spiel, und es gibt immer einen Gewinner und einen Verlierer. Diese Vereinfachung wäre bei einer Niederlage gegen den klassentieferen Gegner kein Trost gewesen. Die Zeit war schlicht reif für einen St.Galler Triumph. Und er stärkt das Selbstbewusstsein der Menschen in dieser Region. Die Ekstase am Sonntag war um ein Vielfaches grösser, als der sportliche Wert eines Cupsieges gemeinhin eingeschätzt wird. Der Cup ist kein Meistertitel, der Weg ins Finale deutlich kürzer. Doch der «Chübel» ist ein Symbol, eine tiefe Belohnung für das Durchbeissen in all den Jahren, für die Treue zu diesem Verein, eine Wunderheilung für so manche erlittene Niederlage.
«Für immer glücklich», schreit ein Fan ins Mikrofon einer Radiojournalistin am späten Sonntagabend auf dem Marktplatz, wo Zehntausende ihre Mannschaft feiern. Einmal im Leben einen Titel des FC St.Gallen erleben – es ist vollbracht.
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