Christlich vor 2 Stunden

Fronleichnam zeigt, dass Glaube keine reine Privatsache ist

Fronleichnamsprozessionen wirken auf manche aus der Zeit gefallen. Doch hinter dem katholischen Brauch steckt eine Botschaft, die weit über den Glauben hinausweist: Eine Gesellschaft braucht Menschen, die offen zeigen, was sie prägt und begeistert, statt ihre Überzeugungen ins Private zu verbannen.

Von Elias Meile, Seelsorger
aktualisiert vor 2 Stunden

In diesen Tagen wird an vielen Orten Fronleichnam gefeiert. Für manche Beobachter mag es befremdlich erscheinen, dass nicht wenige Menschen ihre Glaubensüberzeugungen so öffentlich kundtun. Tatsächlich zeigt sich dabei aber etwas, was unserer Gesellschaft als Ganzes guttun würde.

Der Name des Festes ist sperrig, die damit verbundenen Bräuche wirken zuweilen antiquiert. Im Kern geht es an diesem katholischen Festtag aber um etwas Zentrales, insbesondere des katholischen Glaubens, nämlich um die Freude an der Eucharistie oder, anders gesagt, um die Dankbarkeit für die Gegenwart Jesu in den Gaben von Brot und Wein.

Von dort kommt auch der aus dem Mittelhochdeutschen stammende Name, der – 
anders als der in unserer Sprache gebräuchliche Begriff vermuten lässt – ganz und gar nichts Düsteres in sich trägt: das Fest «des Herrn Leib». Diese tatsächliche Gegenwart Jesu in Brot und Wein feiern katholische, aber etwa auch orthodoxe Christen jedes Mal in der Messe. Das Besondere an Fronleichnam ist nun aber, dass sich das gemeinsame Feiern nicht auf den Gottesdienst im Kirchenraum beschränkt, sondern sich, dort, wo das Brauch ist, bei der anschliessenden Prozession im Freien fortsetzt.

Das, was sonst hinter Kirchenwänden verborgen geschieht, wird nun im wahrsten Sinn des Wortes in die Öffentlichkeit hinausgetragen.

Oft wird die Prozession begleitet von Blasmusik sowie von Gruppen aus Trachtenleuten und kirchlichen Vereinen; unterbrochen wird sie durch verschiedene Stationen an Altären auf dem Weg. Diese feierlichen Handlungen in den Gassen und auf den Plätzen sind also nicht zu übersehen. Damit machen die beteiligten Gläubigen ihre Überzeugung sicht- und hörbar: Wir möchten das, was uns mit tiefster Freude erfüllt, mit der ganzen Welt teilen.

Immer wieder werden Rufe laut, der Glaube sei Privatsache, und religiöse Praxis hätte sich demzufolge in den eigenen vier Wänden abzuspielen. Interessanterweise werden solche Forderungen aber nie gestellt, wenn es um Sport, um Kommerz, um Politik oder um ganz andere Bereiche unseres Lebens geht. Dabei wäre gerade das der Schlüssel für das Funktionieren jeder Gesellschaft:

Es schadet uns auf lange Sicht, wenn wir so tun, als wären wir mit unseren Überzeugungen allein auf dieser Welt.

Viel zielführender ist es, auf der einen Seite offen zu teilen, was uns prägt und was uns wichtig ist, und auf der anderen Seite lohnt es sich, sich auf das einzulassen, was unser Gegenüber begeistert. Das betrifft alle Bereiche unseres Lebens, nicht nur den des Glaubens, aber diesen eben auch. Vielleicht entdecken wir so ganz unerwartet etwas Neues, das uns lieb wird.