Christlich vor 2 Stunden

Gedanken zu Pfingsten: Der erste und der letzte Atemzug

Der Ursprung des Menschen und seine Beziehung zur Schöpfung stehen im Zentrum eines der bekanntesten Texte der Bibel. Die folgenden Verse aus dem Buch Genesis erzählen in eindrücklichen Bildern vom Anfang des Lebens.

Von Yvonne Cusinato, Sozialbegleiterin
aktualisiert vor 2 Stunden

Das erste Tun des Menschen in dieser Welt ist das Einatmen. Danach begleiten ihn durch sein ganzes Leben minütlich zwölf bis 18 Atemzüge.

Der erste Atemzug ist der, wenn wir die wohlige Geborgenheit des Mutterleibes verlassen – unsere Geburt. Wir wissen nicht, wohin es geht und was uns erwartet. Und doch müssen wir hinaus in eine neue, uns unbekannte Welt, in der wir von der erwartenden Liebe unserer Eltern empfangen und willkommen geheissen werden.

Oft ist es ein banges Warten, ein Warten auf den ersten Atemzug. Alles, was ein Neugeborenes braucht, sind Atem und Liebe: liebevolle Zuwendung und sorgende Begleitung ins Leben hinein. Atem und Zuwendung, beides ist lebensnotwendig, nicht nur für das neugeborene Kind. Im zweiten Schöpfungsbericht des Buches Genesis heisst es:

Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem.

Wir leben unsere Leben, und unser Atem begleitet uns ein Leben lang. Wir lernen, uns selbst zu lieben, damit wir auch unseren Nächsten lieben können. So können wir die Zuversicht, die Hoffnung und die Geborgenheit im Sinn des Lebens erfahren. Und dann, gegen Ende unseres Lebens, geht alles zurück – Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug.

Am Schluss bleibt nur noch eines: das Atmen. Der letzte Akt des Menschen in dieser Welt ist das Ausatmen. Mit ihm gibt er seinen Lebensatem dem Schöpfer zurück – und kehrt heim in das Geheimnis jener alles umfassenden Liebe, von der er schon im Mutterleib umgeben war. Eine Liebe, die ihn durch die Geburt in dieses Leben entliess und ihn im Sterben wieder aufnimmt – wieder in eine neue Welt. Im Sterben geschieht Gleiches wie bei der Geburt:

Ob wir wollen oder nicht, der Mensch muss weiter, muss diese Welt verlassen.

Dieser Übergang ist unaufhaltsam. Dem Sterbenden bleibt nichts anderes, als erneut zu vertrauen, zu hoffen auf die Liebe, die wartet.

Warum schreibe ich Ihnen das? Wissen wir doch alle, dass wir geboren werden und dann irgendwann früher oder später sterben müssen, so ist es eben. Und doch merke und spüre ich in meiner Arbeit, dass wenige Menschen sich mit der Krankheit und dem Tod auseinandersetzen können. Es fängt bei einem Besuch eines schwerkranken Menschen an, dass wir uns nicht trauen, in das Krankenzimmer hineinzugehen, weil wir nicht wissen, was uns erwartet und wem wir begegnen.

Gerade heute hat mich eine Mutter angerufen, die ihre dreijährige Tochter an Krebs verloren hat. Sie hat mir erzählt, wie schlimm es für sie sei, wenn die Menschen und Freunde aus ihrem Leben den Kontakt mit ihr meiden.

Wenn sie bekannten Menschen auf der Strasse begegnet, die wegschauen, um sie ja nicht fragen zu müssen, wie es ihr heute geht. Doch genau das ist es, was wir brauchen, sei es die Geburt, eine schwere Krankheit, eine Lebenskrise oder der Tod. Wir brauchen auch hier unseren Atem, Liebe und Zuwendung.

Wie es war am Anfang, so auch jetzt und in alle Ewigkeit.